Mai 12, 2008
Ich bin ja eigentlich nicht der Siez-Typ. Ich kann das Siezen einfach nicht ab. Oft nehme ich sogar die “Ihr”-Form, ich spreche die Menschen als Team an. “Was habt Ihr denn so vom Döblin da?” könnte eine Frage in meinem Buchladen sein.
Ein wenig befremdlich finde ich — ja, ich — es dann schon, wenn ich bereit bin rund dreitausend Euro in eine neue Küche zu investieren und ich bei meiner Entscheidung aus allen Druckbeilagen des Küchenschweden zum Thema geduzt werde. Das reibt sich. Finde ich.
Mai 8, 2008
Als Herr und Frau Schwaner vor vielen etlichen Jahren einmal frisch ineinander verliebt waren, da konnte es schon mal vorkommen, dass Herr Schwaner mit den Worten begrüßt wurde: “Hose runter!”.
Im Laufe der Zeit und mit der Länge der Beziehung ändert sich das. Nach bald sechs Jahren Beziehung, fünf Jahre des Zusammenlebens und bald drei Jahren Ehe fällt die Begrüßung heute — wie drückt man es diplomatisch aus? — sachlicher aus: “Schuhe aus!”
Wie erst in etlichen Jahren?
“Hm.”
Mai 8, 2008
Erst spazierten die beiden Polizeibeamten in ihrer sommerlich kurzärmeligen Uniform durch die neu angelegten Wege des Weinbergsparks entlang, unterhielten sich angeregt, schauten nach links, kontrollierten nach rechts, ob sich denn ein Dealerlein wagen würde, unter ihren Augen zu dealen. Doch das taten die Dealerlein nicht — sie dealten direkt hinter ihrem Rücken, ein Grämmlein hier, Pillen da, ein Beutelchen dort. Vom Mund in die Hand in den Kopf.
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Mai 4, 2008
Mitten im Leben im Laden — da steht er und wartet darauf, den Menschen eine Weltanschauung einzubleuen. Ob sie wollen oder nicht. Aus seinem strahlend weißem Hemd wollt es um den Hals heraus und seine legeren längeren Haare umschmeicheln sein schlankes, braungebranntes Gesicht — sein Gesicht sagt Erfolg. Sein perfektes Jackettkronenlächeln strotzt vor übermenschlicher Freundlichkeit. Und schreit Erfolg. Seine langen Arme streckt er gerne jenen entgegen, die von soviel jünglicher Erfolgsgeschichte entwaffnet sind und sich sofort einlullen lassen, wenn er sie am Unterarm streichelnd an seinen Verkaufstresen zieht, einen Kaugummi und einen Kugelschreiber anbietet, während er ihnen mit einschmeichelnder Stimme erzählt, wie toll es ist, mit leckerem Strom etwas für die Umwelt zu tun.
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April 20, 2008
Hoppala, heute hat ja jener Kloppskopf Geburtstag, der sich noch gestern abend filmisch und zu seiner Lebzeit zwölf Jahre zu spät den Kopf weggeblasen hat. Daher heute schon unser Aufruf: Werte Despoten, Tyrannen und Diktatoren dieser und der kommenden Welt: Greifen Sie doch bitte schon heute herzhaft zur Waffe und machen Sie regen Gebrauch davon. Ersparen Sie Millionen Menschen furchtbares Leid schon heute. Vielen Dank.
April 1, 2008
Gegen die Geisterstunde, als ich zufällig aus dem Fenster sah, wunderte mich die betriebsame Hektik, die ich in den Augenwinkeln wahrnahm, also entschloss ich mich genauer hinzusehen. Da tanzten doch tatsächlich lauter Frauen mittleren Alters in dunkelblaue Winterjacken und Hosen gekleidet, mit einem schiefaufgesetztem, ebenfalls dunkelblauen Barret auf den dauergewellten Haaren, Hand in Hand um die neuen Parkscheinautomaten herum, die die deutsche Gründlichkeit in schierem Finanzwahn in den vergangenen Wochen in unserem Wohnviertel aufgestellt hatte, und die zum Monatswechsel, also just in diesem Moment, ihren Dienst aufgenommen hatten.
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