„1996 bin ich dann arbeitslos geworden. Da hat mich dann das Arbeitsamt noch einmal auf die Fachschule geschickt. Ich hab da Angst vor gehabt, nochmal lernen, in meinem Alter. Die waren ja da alle gut 30 Jahre jünger als ich…“
„Und? Wie war es mit den Mitschülern?“
„Die haben gedacht, ich sei die Dozentin. Dabei war ich auch nur eine Kollegin.“
„Was haben Sie denn machen müssen nochmal auf der Fachschule?“
„Ach, die haben mich nochmal auf Altenpfleger geschult.“
„Und damit haben Sie dann Arbeit bekommen?“
„Nachdem ich die Prüfungen hinter mir hatte… das war aber ganz schön schwer, die ganzen lateinischen Ausdrücke da.“
„Lateinisch?“
„So aus der Medizin eben. Man ist ja nicht mehr die Frischeste im Kopf gewesen.“
„Nicht wahr?“
„Aber glauben Sie nicht, das das Amt mich dann im Altenheim untergebracht hat.“
„Nicht? Wieso denn das nun?“
„Da konnten sie wohl keine Stelle bekommen, da haben sie mich in so ein Imigrationszentrum geschickt, so mit Kindern von Immigranten, weil ich doch recht gut Sprachen spreche…“
„Ach Sie sind da wohl bewandert. Was sprechen Sie denn?“
„Russisch.“
„Ach ja?“
„Und ein wenig englisch – auf jeden Fall hat mir das ein Riesenspass gemacht mit den Kindern. Die hab ich so am Nachmittag in ihrer Freizeit betreut und mit den Hausarbeiten und so weiter… Was eben so anfällt in so einem Zentrum.“
„Aber Sie sagten, nur für ein Jahr.“
„Jaja, nach Ablauf von diesem einem Jahr hat dann das Amt irgendwie mächtig geschoben und Hebel bewegt, und dann durfte ich tatsächlich noch ein weiteres Jahr, allerdings wirklich das letzte Jahr dort bleiben.“
„Und dann? Waren Sie wieder…“
„Arbeitslos! Hach ja! Und leider noch zu weit weg von der Frührente. Ich musste ja bis 63. Zwei Jahre haben mir noch gefehlt. Halbes Jahr hab ich dann zu Hause gesessen. Dann haben sie mich ins Theater gesteckt. „
„Ins Theater? Meine Güte!“
„Wieder mit Kindern. Ich sollte mit denen ein Theaterstück machen. Also hab ich ein Theaterstück geschrieben und so bin ich auf meine Tage noch zur grünen Hexe geworden. Hatte ich ja keine Ahnung von. Das musste ich mir alles im Internet und in der Bücherei zusammenrecherchieren.“
„Also, was die von einem nicht alles verlangen auf die alten Tage.“
„Oh ja, es war schon anstrengend und ich war immer fix und fertig. Aber was willste machen? Man muss flexibel sein heutzutage. Denken Sie mal, ich hab als Sachbearbeiterin angefangen. Und im Alter steh ich mit Kindern auf der Bühne.“
„Sehen S’e“
„Aber so hab ich wenistens noch was für die Gesellschaft getan.“
„Muss man ja, muss ja sein!“
„Ich wollte ja auch raus. Von zu Hause weg. Man kann ja nicht den ganzen Tag zu Hause, nicht wahr? Da wird man dröge und müde. Die Kinder haben mich noch mal richtig jung gemacht, ich fühl mich nun wieder jünger, jetzt kann ich dann beruhigt in die Rente gehen, nicht wahr?“
„Ja, genau, immer nur zu Hause, das geht ja auf Dauer nicht. Denken Sie mal an die jungen Leute, nicht? Also mit 26 Jahren schon arbeitslos.“
„Also das ist wirklich schlimm. Mitte 20 und schon keine Motivation mehr. Die sehen ja gar keinen Sinn mehr hier.“
„Na, wie auch? Nach der Ausbildung keinen Job mehr. Und dann jahrelang raus aus dem Job, die kommen ja nicht mehr rein, wenn dann die anderen nachrücken, wenn es mal ein Stückchen bergauf geht. „
„Ja.“
„Also eigentlich kann man den jungen Leuten nur zu Sprachen raten, das sie die lernen und dann ins Ausland gehen und da arbeiten.“
„Ich weiss ja auch nicht.“
(Schweigen)
„Und da wundert sich der Staat, dass da keiner mehr Kinder will. Kann man ihnen ja nicht mal raten. Schon eine Familie gründen führt ja geradewegs in Ruin, nicht wahr? Wer will denn da schon ein Kind? ’s kann sich ja keiner leisten! ’s kostet doch alles Geld!“
„Ja.“
„Aber die Ausländer -Kinder, die können wir aufnehmen, nicht wahr?“



