11. Februar 2007...13:03

Der Bundestrojaner (2)

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Die mehr oder weniger gähnende Leere seines Kühlschrankes konnte Clemens nicht dabei helfen, seine erkalteten Füße in der Küche zu wärmen und sich den heißen Kaffee der zweiten Tasse über die Füße zu gießen, hätte keinen Effekt gehabt. Die Tatsache, sich kein Frühstück bereiten zu können, weil er in den vergangenen Tagen jegliche essbaren Reste seines Kühlschranks verzehrt oder aber weil fern des Verfallsdatums in die beistehende Tonne geschmissen hatte, legte sich auf sein Gemüt. Viren, die er gezielt geschickt bekommen hatte, waren das eine: Kein Frühstück zu genießen und kalte Füsse zu haben waren ein anderes Thema.

Er strubbelte sein Haar durch, schlüpfte in eine Hose, zog sich einen dicken Pullover über und hüpfte in seine Turnschuhe — sie waren kalt. Sein Supermarkt-Discounter „Nord“ für den notwendig gewordenen Einkauf war nur wenige Schritte von seinem Wohnhaus entfernt und jedes Mal, wenn Clemens etwas knapp bei Kasse war, ließ er es sich nicht nehmen, bei „Nord“ einzukaufen, auch wenn ihm mit dem Discounter, wie Clemens es selbst sagte, eine Hassliebe verband — weniger wegen der Produkte, als wegen der Kundschaft, die dort täglich ihren Haushalt befriedigte.

Es ist etwas falsch im Staate Dänemark„, dachte Clemens bei sich, als er nach wenigen Schritten an kalter Februarluft durch die selbstöffnende Glastür den schmuddligen Laden betrat und feststellen musste, dass nicht ein einziger Einkaufswagen bereit stand. Stattdessen waren zudem auch noch die einzigen zwei Kassen besetzt, die es in der minimalen Ausgabe dieser Discounterfiliale überhaupt zu besetzen galt; die Schlangen an ihnen reichten weit bis nach hinten in den Verkaufsraum. Clemens stellte sich neben die Tür, gewillt zu warten, bis einer der Wagen frei werden sollte. Ausgerechnet heute, wo er seinen Kühlschrank wieder mit notwendigem Übel füllen wollte, hatten sich Zehntausende entschieden, in die kleinste Filiale der Welt zu kommen.

Die ersten drei Wagen konnte er abschreiben, denn wie beim Arzt im Wartezimmer standen bereits andere vor ihm und warteten ebenfalls, bis gut gefüllte Wagen erst auf das Laufband der Kasse geleert, danach wieder gefüllt und letzten Endes wieder in Plastiktüten oder Shopper umgepackt zu werden. Erst dann würde vielleicht ein Vorbesitzer an ihm vorbeidrängeln, den Einkaufswagen bis zum hinteren Ende der Einkaufswagenzone schieben, ihn an der Kette befestigen und vielleicht noch eine halbe Stunde an seinen Tüten herumnesteln, bevor er den Laden und somit den Weg zum einzig vorhandenen Wagen freigeben würde.

Gewissenhaft stand eine Frau um die vierzig Jahre in ihrer viel zu engen, aber zugeschnürten Daunenjacke am Eingang zur Einparkzone der verrosteten Einkaufswagen und blickte nervös auf die nachkommende Kundschaft. Wer würde ihr den Wagen streitig machen, auf den sie ein Anrecht hatte? Neben Clemens sass auf den Packtischen an der Fensterfront ein beleibter Vater um die dreissig, wippte mit den Füßen und dem Kinderwagen zum Takt seines Empehdrei-Players, der ihm am Hals baumelte — selten hatte Clemens einen so gelangweilten Menschen gesehen. Wie lange wartete er wohl bereits? Wie lange hätte Clemens noch zu warten?
Direkt hinter Clemens hatte ein junger Mann den Laden betreten, sah sich um, verzweifelte und lachte wissend Clemens an, der ihm am nächsten stand. Er war nicht viel älter als Clemens, vielleicht Ende zwanzig. Er trug eine dunkle Lederjacke, kurze blonde Haare und in seinen Händen funkelte gut sichtbar ein Autoschlüssel, jener Typ Endzwanziger, die bereits seit einer Ewigkeit arbeiteten, gutes Geld verdienten und zu Hause Frau und vielleicht Kind hatten, während andere noch damit beschäftigt waren, überhaupt herauszufinden, wer sie waren und was sie wollten. Clemens zählte sich zu eben jenen ewig Wankelmütigen, die gar nichts so recht wussten und nur schwammig in den Tag lebten, sich irgendwie durch ihr Studium mogelten ohne dabei rechte Lust auf einen Abschluss zu entwickeln. Und da Clemens sich in der Nähe erfolgreicherer Biografien unwohl fühlte, weil dann und wann das schlechte Gewissen an ihm nagte, konnte er genau diese Art von Typen nicht ab. „Spar dir deine Verzweiflung, Arschloch„, dachte sich Clemens und lächelte süffisant zurück.

Mit der Abgabe des ersten Wagen an die wartende Schlange deutete sich bereits ab, was „faul im Staate“ gewesen war. Kaum steckte der Verschluss fest in der Sicherung des Einkaufwagens und der Plastikchip war herausgenommen worden, drängelten sich die Frau in ihrer weissen Daunenjacke als auch eine Frau im gleichen Alter, die Clemens vorher nicht aufgefallen war, an den einzigen Wagen heran.

„Entschuldigen Se mal, dit is mein Wagen…“, blaffte die Daunenjacke.
„Nein, isch war eher“, antwortete die Frau, die Clemens aufgrund ihres Aussehens und ihres Dialektes in den Nahen Osten verfrachtete.
„Dit waren se nich, ick steh hier schon die janze Zeit!“
„Nein, wirklisch. Isch habe nur Geld gewechselt!“

Beide Frauen standen sich gegenüber, jeweils mit einem Arm am Griff des Einkaufswagen, die Daunendeutsche funkelte bitterböse, die Frau aus Fernost lächelte listig ihr gegenüber an. Auch ihr gemeinsames blickendes Flehen zu den Mitwartenden auf Zeugenschaft half ihnen nicht, die Situation war auswegslos verfahren — zumindest dadurch, dass keine der beiden den Eindruck erweckte, klein beigeben zu wollen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis es entweder ausarten oder sich auflösen würde — vielleicht wenn ein zweiter Wagen auftauchen würde. Da jedoch alle Wagenlenker vollauf damit beschäftigt waren, den beiden Wagenduellanten beim Streiten zuzusehen, anstatt ihre Sachen weiter in ihre Tüten und Taschen umzufüllen, schloss Clemens ein friedliches Ende kategorisch aus.

„Jeben Sie jetze jefälligst’n Wagen frei…“
„Nein, isch war…“

Die Daunenjacke drängte sich an den Wagen und versuchte mit einer geschickten Drehung sich zwischen Wagen und ihrer Opponentin zu bringen und schubste dabei mit ihrer ausladenden Jacke die mindestens gleichaltrige Frau aus Nahost zur Seite, die perplex den Mund aufriss und nur einen kurzen Moment in Schreckstarre verharrte, dann einen Satz hinter der Daunenjacke her machte und sie mit beiden Armen ausgestreckt in den Rücken schubste.

Hey„, blökte die junge Kassiererin, die dem Geschehen am Nächsten sass, „was soll der Scheiß?
Ham Se dit jesehen? Ham Se jesehen?„, forderte die Daunenjacke ihr Umfeld auf, „die Scheiß-Kuh hat mich jeschlagen!
Wie nennst Du misch?
Ick nenn dich, wie ick et will„, blaffte die Daunenjacke.

Damit hatte sie allerdings ihren Gutschein für eine schallende Ohrfeige eingelöst und als ihr die Haare von der Wucht des Schlages durch das Gesicht wirbelten, wusste Clemens, dass es vielleicht an der Zeit war, sich jetzt den Wagen zu schnappen oder sich wagemutig zwischen die beiden Kontrahentinnen zu stellen — schlichtend sozusagen. Allerdings flöste alleine der Gedanke, sich in die Nähe der nun angestachelten, impulsiv agierenden Frau mit der Daunenjacke zu begeben, um entweder den Wagen zu entwenden oder sich zwischen sie und der südeuropäisch gezeichneten Furie zu stellen, Furcht ein. Zumal sollte er sich nicht einmischen, wenn die Emotionen in Form gegenseitigen Haareziehens hochkochten — Clemens sah sich das Spektakel aus sicherem Abstand an, wie erst Worte lauter wurden, schließlich aus lauter Worten wortkarges Geprügel wurde: Wegen eines Einkaufwagens.

Der Endzwanziger, der in Clemens einen Leidenspartner im Warten auf einen Einkaufswagen ausgemacht haben wollte, sah genervt auf das Szenario, wie sich die beiden Frauen rund um den Einkaufswagen zerrten und schubsten, wie immer mal wieder eine der anderen ins Gesicht zu schlagen versuchte, dann ging er ein paar Schritte aus dem Laden und als die automatische Glastür sich wieder hinter ihm geschlossen hatte, griff er zum Telefon und telefonierte aufgebracht. Der Vater mit dem Kind im Kinderwagen tat unterdess das einzig richtige, Clemens sah ihn, wie er seinen Jungen im Kinderwagen von dem wüsten Handgemenge ablenkte, sich zwischen fliegend ausgeteilter Maulschellen und Kinderwagen postierte mit seinem breiten Kreuz und Faxen vor seinem Kind machte. Während sich Clemens über die Faxen amüsierte und die Kassiererin ihre Kasse verlassen hatte, um im Büro Hilfe zu holen, hatte der Endzwanziger aufgehört zu telefonieren, stürmte mit entschiedenem Gesichtsausdruck in den Laden zurück, ging zwischen die beiden Frauen, rief sie energisch an und schubste sie auseinander. Was Clemens stutzig werden liess, war die Tatsache, dass sich der Endzwanziger gekonnt die fuchsteufelswilde Frau aus dem Nahen Osten vom Leib hielt, bis es ihm scheinbar reichte, er sich ihren Arm schnappte und gekonnt auf den Rücken drehte. Der Streit endete abrupt im Respekt vor der Entschlossenheit ihres Streitschlichters.

Wieso erst jetzt? fragte sich Clemens. Wenn der Typ das so einfach entschlossen gekonnt hatte, wieso war er erst telefonieren gegangen, um jetzt eine der beiden Frauen, den Arm halb auszukugeln und auf die Frau mit der Daunenjacke bestimmend einzureden?

„Komische Type…“, dachte sich Clemens.

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