November 22, 2007...10:46 Uhr vormittags
Der Martinstag
Der diesjährige Martinstag fiel auf einen Sonntag. Während ich hingegen den alten Martin seit etlichen Jahren einen guten Mann sein ließ, entschied meine Frau in diesem Jahr, mit Laterne bewaffnet dem Kinde etwas Gutes tun zu wollen. Also wackelten am späteren Nachmittag unser erleuchtetes Dreigestirn in die Dämmerung hinein, in der Hoffnung, in der Innenstadt etwas Dunkelheit zu finden. Dem Jungen schien gänzlich egal, was uns wichtig erschien: Er ergriff die mit einer Kerze illuminierten Laterne aus Papier, wedelte am Stock ein wenig mit ihr herum, und ließ sie, weil sie ihm zu schwer war, einfach auf den Boden fallen. Einen Augenblick später und ich wäre mit Stock im Allerwertesten die größte Fackel aller Umzüge gewesen.
Auch draußen an der frischen Luft interessierte sich das Kind in seinem Kinderwagen herzlich wenig für die Laterne, zeigte ein paar Mal eher unmotiviert darauf, brabbelte Unverständliches und fand eher interessant, was sich ansonsten um ihn herum abspielte. Wehe jedoch, ein älteres Kind rannte mit einer Laterne vorbei. “Licht, Licht“, quiekte daraufhin unser Kind vergnügt, zeigte und wedelte mit seinem Finger darauf, als hätte es nie in seinem Leben eine Laterne gesehen. Zwei mit den Augen rollende Eltern standen stumm dabei.
An der Großen-Hamburger-Straße angekommen stießen wir als gelangweilte Lightshow auf einen Martinsumzug — hunderttausende von Eltern standen mit ihren Knirpsen und Laternen vor dem Eingang des St.Hedwig-Krankenhauses und warteten auf Einlass — weil wir es für eine gute Idee hielten, mit anderen Eltern und vielen bunten Laternen an Irgendetwas teilzunehmen, stellten wir uns dazu. Aus irgendeinem Grund verweigerte man uns jedoch die Zugehörigkeit. Obwohl wir ein Kind ausfuhren. Obwohl wir nicht anders aussahen, als die anderen Eltern. Obwohl auch uns die Aura der jahrelangen Unausgeschlafenheit umgab. Die Menge scharrte sich um uns, als wären wir ein Magnet, der in einen Haufen von plappernder Metallspäne geworfen worden war. Die uns am Nächsten standen, sahen an uns herab, sahen in den Kinderwagen, sahen die Laterne und rissen die Münder zu großen schwarzen Löchern auf und atmeten erschrocken hörbar ein. Da schnitten schon die ersten bösen Worte durch die Luft wie glühende Peitschen.
“Wie niederträchtig“, zischte die erste Mutter und riss ihr Kind auf einem Holzlaufrad und Laterne zurück. “Unglaublich“, rumorte es aus einer anderen Ecke des wütenden Mobs. Rieke und ich fasssten uns bei den Händen und rückten ein wenig näher zusammen hinter den Kinderwagen. Wir wußten gar nicht, wie uns geschah. Dann blökte uns ein entzürnter Vater mitten ins Gesicht: “Klimakiller” und als hätte er ein Codewort gerufen, entlud sich der Zorn auf uns hernieder. “Terroristen“, schrie eine ältere Mutter, die auch für eine Großmutter gehalten werden konnte, hinter mir schubste mich einer und gällte “Du Arschloch, verpiss Dich“. Gerade als ich die Rufe “Hängt sie auf” und “Nieder mit Al Quaida” hören konnte, begriff ich was hier geschah: Waren wir doch allen ernstes mit einer Laterne unterwegs, die eine kleine beigefarbene Kerze in sich trug, um das Dunkel der Nacht zu erhellen, während all jene, die um uns herum standen und uns zu lynchen versuchten, mit ihren Kindern Laternen mit Batterien, Kabel und Leuchtdioden zur Beleuchtung gebastelt hatten. Als sich der Kreis um uns immer enger schloss und sie mit mordlüstern funkelnden Augen und spärlich leuchtenden Laternen auf uns zukamen, preschte ich hervor, riss unsere befeuerte Laterne herum, schwenkte sie vor ihnen herum und drohte ihnen stimmgewaltig. “Nun kommt doch, kommt doch! Wer traut sich?”
Gerade hatte ich mich mit meiner schaukelnden Laterne ein paar Angreifer zurückdrängen können, als gleißendes Licht von den umliegenden Dächern die Dunkelheit zerriss. Ich hielt mir die Augen zu, Rieke schrie hinter mir, unser Sohn lachte vergnügt. Dann hörte ich wildes und lautes Stimmengewirr, Menschen brüllten herum. “Hot! Hot! Hot!“, dann hörte ich das Surren von Seilen, als würde etwas Schweres an einem Seil heruntergelassen und wieder “Hot! Hot! Hot!“. Ich versuchte, meine Augen gegen das Licht zu schützen und zu erkennen, was dort geschah. Nur in Umrissen konnte ich sehen, wie von den Hauswänden Männer in dunklen Uniformen und Helmen an Seilen heruntersprangen, die Menge durchschnitten, die sie anfeuerte, und auf uns zurannten. Nur einen Augenblick später blickte ich in den Lauf eines Automatikgewehrs und in zwei funkelnde Augen hinter einer schwarzen Gesichtsmaske. “Hot! Hot! Hot!“, brüllte der Schwarze Mann und dann wurde ich bereits zu Boden gerissen und unter dem Johlen der Diodenmenschen weggeschleift.
“Lesen Sie dem Mann seine Rechte vor“, schnauzte einer herum, als ich auf einer grünen Sitzbank in einem der Polizeiautos wieder zu mir kam, Rieke saß mir mit geröteten Augen verängstigt gegenüber, aber ihre Miene hellte sich erleichtert auf, als sie bemerkte, dass ich wieder zu mir kam.
“So jemand hat keine Rechte“, schnodderte ein Beamter zurück und deutete abfällig auf mich.
“Los jetzt“, befehligte der für mich unsichtbare Dritte.
“Na schön“, erwiderte der andere, nahm mich ins Visier und brüllte mich an. “Und Sie hören jetzt zu: Ich verhafte Sie nach Paragraph Hundertneunundzwanzig Ah wegen Unterstützung, Vorbereitung und Planung eines terroristischen Anschlages mittels Brandkörper zusammen mit ihrer Terroristen-Kollegin...”
“Das ist meine Frau“, erklärte ich kleinlaut.
“…Ihrer Terroristen-Kollegin da. Sie haben das Recht, die Aussage zu verweigern. Alles was Sie jetzt sagen, kann und wird vor Gericht gegen Sie verwendet werden. Auch wenn ich der Meinung bin, dass der Rechtsstaat jetzt wegsehen sollte, während ich Sie ins Jenseits puste. Sollten Sie auch nur den Hauch eines Versuches wagen, die Flucht zu ergreifen, werde ich genüsslich von meinen Rechten Gebrauch machen“, sagte er hinübergebeugt zu mir und streichelte zärtlich über den Griff seiner Pistole im Gurthalfter. Ich verstand nur Bahnhof. Terroristischer Anschlag? Brandkörper? Doch nicht etwa unsere Laterne?
“Was für einen Anschlag? Was für ein Brandkörper?” stammelte ich eingeschüchtert.
Der Beamte zeigte mit seinem Finger auf eine kleine Plastiktüte, in der ich unsere kleine Laterne eingepackt liegen sah.
“Entschuldigung“, sagte meine Frau, “aber das ist ein Laterne.“
“Nun werden Sie mal nicht frech“, fuhr sie der Beamte an und hob die Plastiktüte an, “Sie wollen mir doch nicht weismachen, das sei eine Laterne?“
“Doch, genau das“, entgegnete ich ihm.
“Wollen wir doch mal sehen“, sagte er und fingerte die Laterne aus der Tüte.
“Hier, also“, und er zählte auf, was er an der Laterne so fand, “Papierhülle, Drahtbügel, ein Stock aus Holz, eine Kerze. Das ist doch ziemlich eindeutig ein Brandsatz!“
“Wie bitte?“, schluckte ich und Rieke schnitt mir das Wort ab, “Was ist denn Ihrer Meinung dann eine Laterne?“
“Wollen Sie mich veräppeln?“, herrschte er sie an, “das ist doch offensichtlich: Eine Laterne besteht aus einer Papierhülle, einem Drahtbügel, dem Tragestock und einer Kerze!“
Ich witterte Morgenluft. “Und was haben Sie da genau vor sich?“
“Eine Papierhülle, einen Drahtbügel, einen Tragestock und eine Kerze“, sagte er und sein Ton wurde leiser. “Oh…“, sagte er und ließ die Arme sinken.
“Nehmen Sie den beiden die Handschellen ab“, herrschte er den anderen Beamten, der nicht recht verstehen wollte. “Hören Sie schlecht?“, schnauzte er ihn an, nun erst wurden uns die Kabelbinder an den Händen durchschnitten. Erleichtert sah ich meine Frau an und rieb mir meine Handgelenke. Der Beamte nahm seine schwarze Gesichtsmake ab und zeigte uns sein äußerst zerknirscht aussehendes Gesicht.
“Das tut mir schrecklich leid“, sagte er betreten.
Rieke war bereit im ins Gesicht zu fahren und ihn anzuschreien, sagte schon “Sie hören von meinem Anwalt…” und ich unterbrach sie nur ungern, aber ich sagte: “Wissen Sie, wenn Sie schon dabei sind, nach Bombensätzen und Terroristen zu suchen, dann sehen Sie doch einmal nach draußen“. Ich deutete nach draußen auf die Straße, wo immer noch aufgebrachte Eltern ihre Dioden wild schwenkten.
“Ich verstehe Sie nicht…“, sagte der Beamte und starrte mich entgeistert an.
“Also meiner Meinung nach finde ich es nicht normal, dass Sie uns festsetzen, weil wir mit einer Laterne am Martinstag für unseren Sohn herumlaufen“, und deutete auf meinen Sohn, der unbeeindruckt im hinteren Teil des Wagens in seinem Kinderwagen eingeschlafen war, “während da draußen hunderte von Menschen mit angeblichen Laternen herumstehen. Finden Sie es nicht viel merkwürdiger, dass alle Laternen dieselbe Farbe haben, dass keine Kerze trotz des Windes flackert? Was denken Sie, was Sie in den Kerzen finden werden?” fragte ich den Beamten siegessicher und Rieke riet ihm noch, er würde gewiss Drähte, Batterien und andere Schaltungen finden.
Der eben noch so selbstsicherere Beamte stutzte, riskierte einen Blick nach draußen und sah auf die Hunderte von Laternen, die nicht flackerten und in die wütend funkelnden Augen der Menschen, die um den Einsatzwagen herumstanden.
“Vor einem katholischen Krankenhaus.“, sagte ich noch, “merkwürdig, nicht wahr?“, doch er hörte mir schon nicht mehr zu.
Er zog seine Maske wieder herunter und rief seinem Kollegen im vorderen Wagenteil zu, er solle Verstärkung anfordern. “SEK, GSG, GEZ und Bundespolizei, alles was verfügbar ist. Hunderte von Terroristen hier. Das ganze Viertel voll. Alle bewaffnet und hochgefährlich“, schrie er nach vorne, “Einsatz, Einsatz!” und sofort brüllten wieder andere “Hot! Hot! Hot!” Mit Helm, Knüppel und Schild bewaffnet rammten sie die Tür des Einsatzwagen auf, sprangen nach draußen und während Rieke und ich die Mütze von unserem Sohn wieder zurechtrückten und den Kinderwagen aus dem Einsatzwagen hoben, prügelten sich von allen Seiten die Einsatzbeamten durch die diodische Menge, die wild auseinanderstob. Von allen Seiten flogen Helme und Laternen, überall sprangen Uniformierte von Seilen und Hausdächern in die flüchtende Menge, “Hot! Hot! Hot!” allen Ortes.
Rieke, mein Sohn im Kinderwagen und ich machten uns auf den Weg. Ich befestigte unsere Laterne wieder am Kinderwagen und entzündete gerade das Licht, als weitere Einsatzwagen und Räumpanzer angerast kamen und die Straße hinter uns in wildem Schreien erquoll. Wir drehten dem Treiben den Rücken zu und Hand in Hand gingen wir allmählich den Weg zurück, den wir gekommen waren, und als die Schreie und Rufe hinter uns leiser wurden, sagte ich zu meiner Frau und zwinkerte ihr zu:
“Die Idioden!“
“Ibootn“, brabbelte unser Sohn, als er sich die verschlafenen Augen rieb.
3 Kommentare
November 22, 2007 um 11:36 Uhr vormittags
Herrlich!
Vielen Dank für diesen wirklich guten Start in den Tag ;D
November 22, 2007 um 3:42 Uhr nachmittags
Ich glaube ja, mein mann nimmt heimlich Drogen wenn ich nicht zuhause bin… :)
November 23, 2007 um 3:44 Uhr nachmittags
ja, aber nur ganz, ganz kleine… ;)
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