Schnupfen — den braucht man so nötig wie einen Kropf. Und ich habe Schupfen. Nein, das stimmt so nicht. Ich habe DEN Schnupfen. Ich habe die Art Schnupfen, die sich uns in der Werbung zeigt. “Katrin hat Pfnupfen. Katrin hat Nafivin” Der Sinn dieser Werbung hat sich mir bisher nicht erschlossen. Mein Sohn unterdess, der mich massgeblich angesteckt hatte, denkt nicht im Traum daran, die Nase laufen zu lassen. Er hat das feucht-fröhliche Vergnügen übersprungen und gleich den Husten gewählt. Ich hingegen habe versucht, mich so gut zu wehren, wie es ging. Als am ersten Tag das Reibeisen im Rachen zu wüten begann, da spülte ich in Panik literweise warmes und gesalzenes Wasser durch meine Höhlen von Lascaux und rannte an die frische Luft, um sie so sehr in die Lunge und Bronchien zu zwingen, dass ich das Gefühl hatte, zu platzen. Außer dem Augenrollen von Rieke zeigte in diesem Fall das Spülen keine Wirkung. Am zweiten Tag schwoll dann endlich und ohne Unterlass alles an, was an mir zu schwellen ging: Nase, Rachen, Mandeln und Lymphknoten. Dass meine Mandeln schwellen konnten hielt ich seit meinem Pfeifferschen Drüsenfieber für ein blankes Gerücht. Hielt ich sie doch für Staffage, seitdem sie einst auf Luftballongröße angeschwollen und danach wie ein schlaffer Sack in sich zusammengefallen waren und so vollkommen nutzlos im Hals herumhingen.
Am dritten Tag setzte mein mir so wichtiger Geschmack aus. Das in einer Jahreszeit, in der das Paradies seine Köstlichkeiten zum Greifen tief in die Regale der Supermärkte hielt: Butterplätzchen, Zimtsterne, Dominosteine, Marzipan. Das Wissen um den Wegfall meines mir liebsten Sinnes erwischte mich unvorbereitet, als ich in eine lebkuchene Nussspitze biss und statt des erwarteten Koriandergeschmacks — einfach gesagt — nichts schmeckte. Nur die verbliebenden Geschmacksknospen auf der Zunge funkten noch müde: “Och ja, süß, ‘ne?” Und so fühlte es sich auch an: Eine körnige, braun-süße Pampe. Ein alter, feucht-stinkender Wischlappen in Zucker gewälzt hätte sicherlich nicht anders schmecken können.
Wenigstens, so dachte ich mir, würde ich beim Wechseln der Windeln meines Sohnes die Genugtuung erfahren, die ich aufgrund des Verlustes meines Geschmackes mindestens erwartete. Dieses Mal könnte er sein dreckigstes Geschäft präsentieren, ob mit Hülsenfrucht- oder fauligen Kiwiüberresten — ich würde, ohne mit der Wimper zu zucken, ihm das warme Paket vom Hintern reißen und ihn mit triumphierenden Gesicht weiter ansehen können, so feixte ich in mich hinein. Kurz überlegte ich, den Kopf zu Testzwecken in den gut gefüllten Windeleimer zu halten und so die Verschlossenheit meiner Nase mutig zu testen. Doch wozu testen? Ich war mir ja sicher. So legte ich meinen Sohn siegessicher auf die Wickelunterlage, scherzte mit ihm herum, zog seine Hose und Strumpfhose auf, knöpfte im Schritt den Body auf und wiegte angesichts der prallen Windel meinen Kopf lächelnd in Sicherheit. “Komm doch, komm doch”, sagte ich zu mir und öffnete die Windel.
Und dann kam es auch: Buttrig penetrant kroch es durch alle Poren, erfüllte jede Höhle, die es zu füllen galt. Ich roch es, erschrak vor der Wucht, weil ich schließlich kräftig durch die Nase atmete undd wich mit gekreuzten Fingern vor meinem Sohn zurück. “Zurück, zurück”, fauchte ich und mein Sohn sah mich mit katzenartiger Iris und listig an. Wie konnte das sein? Wie konnte ich Koriander nicht wahrnehmen, jedoch diese Ausdünstungen des Hades? Wie war das möglich? Dieser verräterische Schnupfen — jämmerlich im Stich gelassen hat er mich.
