18. Dezember 2007...11:13

Köchelndes

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Es schimmert blau gegen die beigefarbene Schlafzimmerwand, und schließlich, als wäre es gänzlich normal, enthebt es mich dem Bett, entfernt Decke und meinen Pyjama, kleidet mich gemächlich an und platziert mich inmitten jubelnder Menschenmengen in einem Fernsehstudio. Rieke erwartet mich schon, neben ihr ist noch ein Sitz frei.

„Mein rechter, rechter Platz ist frei“, skandiert die fröhlich-aufgeheizte Masse unter mir, „ich wünsche mir Herrn Schwaner bei…“

Die unsichtbaren Schnüre lassen mich, nun wieder bekleidet, wie ich mich eben kenne und kleiden würde, auf dem Sitzplatz neben Rieke im hinteren Drittel der aufsteigenden Zuschauerreihen ab. Nun sitze ich und muss mich erst einmal umschauen, bleibe jedoch fragenden Blickes an dem lächelnden Gesicht meiner Frau hängen.

„Was..?“ versuche ich zu fragen.
Doch Rieke winkt ab und legt mir den Finger auf den Mund.
„Psst.“, macht sie und deutet mit dem Kopf in den vorderen Teil des Studios, in der es in einer Kulisse fleißig brodelt und kocht.
„Uuuh, geil!“, höre ich mich sagen und begreife das Drumherum als Teil eines Geschenkes.
Ich habe zwar in diesem Moment keine Ahnung, wie mich Rieke vom Bett ins Studio hat bringen lassen, aber das interessiert mich gerade recht wenig. Es kommt mir normal vor. Wie Atmen.

In der köchelnden Kulisse eilt ein eifrig Fragen stellender Johann Baptist durch die Reihen seiner Gästeköche, die in zahlreichen Pfannen und Tiegeln, Schüsseln und Töpfen ihre Speisen bereiten. Die Scheinwerfer durchschneiden die Dampfschwaden aus den brodelnden Töpfen, in denen gewiss Pasta und Reis bissfest gegart, in denen in Salzwasser Gemüse kurz blanchiert werden; weiter hinten leuchtet es heimelnd aus den zahlreichen Ofenröhren, in denen Lamm und Florentinerrind genau richtig gebraten werden, außen druckpunktfest, innen zart rosa und saftig. ‘Mag ich gar nicht’, denke ich mir, als säße ich fernab der Kulisse. Doch ich bin mittendrin. Die Köche wuseln herum und ich versuche mich an Namen und ihre Gesichter zu erinnern. Im Publikum niest einer schrecklich ein paar Reihen vor mir.

„Gesundheit“, kichert Johann Baptist in sein Publikum hinein. Ein herumwedelnder, hektischer Koch mit hochrotem Kopf sticht hervor, er kocht nicht im weißen Kochkittel und ist nicht weiblich, trägt sein T-Shirt leger aus der Hose heraushängend, darüber schlabbert ein Flanellhemd, das ständig in irgendwelche Schüssel vor ihm tunkt. Wenn er zwischen seiner Arbeitsplatte, dem Herd und dem Kühlschrank hin- und herrennt, tropft sein Hemd beständig und er zieht eine Spur hinter sich her. Andauernd beisst er in eine rote Chilischote, palavert auf Englisch und versucht Zuhörer von der Chilischote zu überzeugen. Einmal glaube ich beißt Johann Baptist an ihm vorbei und probiert ein Stück von der Schote, läuft knallrot an und speit Feuer. Kommt mir normal vor. In dem Tunke-tropfenden Koch glaube ich Mr Oliver zu erkennen, denn trotz aller Normalität sehe ich unscharf und die Kulisse ist in einen dicken Nebel getaucht.

„Ich sehe nichts“, sage ich zu Rieke und sehe sie an.
„Ha ja“, sagt sie und lacht, „nimm halt den Topf weg.“

Verdutzt sehe ich nach unten und in der Tat, zwischen meinen Beinen am Boden steht ein Kochtopf, aus dem dicke Dampfschußwaden aufsteigen. Wie ich hinuntersehe und mit dem Fuß den Topf beiseite schieben will, erwischt mich eine Dampfwolke und beschlägt meine Augen. Ich muss Rieke um ein Brillenputztuch bitten, bevor ich endlich, mit gesäubertem Auge alles erkennen kann. Jetzt sehe ich klar: Mr Oliver, in der Tat. Klasse, denke ich und entdecke, die österreichische Kaltmamsell mit einem Schnurrbart im Gesicht, der mich an die Kaiserzeit erinnert und — ich weiß nicht warum — mich nötigt, die Kaltmamsell ‘Horsti’ zu nennen. ‘Sei’s drum’, lächele ich in mich hinein, ‘wenn nur das Dessert schmeckt.’ Zwei Reihen vor mir krümmt sich ein gestandenes Mannsbild unter einem Hustenkrampf zusammen. Johann Baptist nimmt die akkustische Störung gelassen, zumal die Mikrofone eh das Tuscheln der Köche übertragen, grinst lausbubig in unsere Richtung und fordert seine Köche lautstark zu mehr Gebrauch von Thymian auf. Sofort zieht eine kräftige Duftwolke von frisch gehäckseltem Thymian zu uns herüber, der Herr zwei Reihen vor mir reist sein Hemd auf und atmet tief ein. „Wer hat’s erfunden?“ brüllt einer von hinten und das Publikum lacht auf.

Ich drehe mich um, um zu sehen wer gerufen hatte und sehe nach hinten in den aufsteigenden Gang zwischen den Publikumsblöcken hoch, da entdecke ich, wie zwei Köche hinter uns am Ende des Ganges auf der Treppe sitzen und feixen. Beide sitzen wie zwei Lausbuben am Boden, die Arme jeweils um die Schulter des anderen gelegt, immer bemüht, den anderen an einer unachtsam unbedeckten Stelle des Bauches zu kitzeln. Um wieder zu Luft zu kommen, hören sie zwischenzeitlich auf sich zu kitzeln, stattdessen umarmen sie sich und küssen sich auf ihre im Scheinwerferlicht leuchtenden, schweißnassen Stirnplatten, von denen sich ihre Haare bereits vor Jahren zurückgezogen hatten. „Johann“, sagt der eine und küsst eifrig. „Alfons“, erwidert Johann und bedankt sich mit einer Umarmung.

Johann Baptist lenkt vorne ab, er tänzelt um die Kamera herum, ruft seine Köche zum Probieren der Vorspeise herbei, die sich alle um einen winzigen Koch scharen, den ich jedoch ob der hinuntergebeugten Köpfe der anderen nicht sehen kann, und eifrig ihre Gabeln in die Vorspeise stechen und selten verfehlen. Einzig ein dänisches Stimmchen schreit ab und an schmerzverzerrt auf. Ich kenne die Stimme, ich weiß jedoch nicht woher. Mr Oliver steht am Rande und füttert sich selbst mit der Vorspeise. Befragt nach seiner Meinung, zutzelt er sich die letzten Geschmacksaromen zusammen, hält inne und sinniert mit schrägen Kopf gen Studiodecke. „Great“, sagt er, „but…“ und ergiesst sich in einem Vortrag über rote Chilischoten, während er eine am spitzen Ende aufhackt, kurz deren Inhalt in seinen Mund entleert und die Schote auf die Vorspeise klatscht. „That’s it!“ Das Publikum jubelt und klatscht frenetisch um mich herum, einer niest, einer hustet, eine Frau würgt. Der kleine Koch, dessen Stimme ich kenne, den ich bisher jedoch nicht sehen konnte, tritt aus der Küchenzeile hervor mit zwei Tellern in je einer Hand und Besteck, er wackelt auf die vorderen Publikumsblöcke zu und je näher er kommt, desto skuriler finde ich sein Äußeres. Er ist ungelogen nur einen Meter groß, hat strohige Haare unter einer viel zu großen Kochmütze, die Augenbauen und sein Oberlippenbart sind so dicht, dass man vom Gesicht nichts sieht. Seine talkige Haut erinnert mich mehr an Gummihühner als an die eines Menschen. ‘Woher kenne ich ihn?’, denke ich mir und ein fiktives Männchen schiebt Polaroid-Fotos vor meinem inneren Auge hin und her.

„Smörebröd“, schreit Rieke neben mir. „Smöööööreeeebröööööd!!!!“
Ich komme einfach nicht darauf, woher ich dieses Gesicht kenne.
„Hey! Huhuh! Wir wollen auch“, krakeelt Rieke und steht wild winkend auf.
„Rieke!“ fauche ich, mir ist das peinlich. Die Kamera hält auf uns drauf und wir sind im Fernsehen. Ich ziehe meine Hand schnell von Riekes Rockzipfel weg und quäle meine Mundwinkel nach oben.
„Smmööööörebröd, Smöööörebröööd, ramm-tamm-tamm-taaaaaah“, singt sie und schwingt mit ihren Hüften in die Kamera.

Der Zwergenkoch, dessen Name mir noch immer nicht einfallen will, kommt nicht umhin, zu uns herauf zu müssen. Also klettert er eifrig schnaufend die Treppenabsätze hinauf und er, dessen Name mir nicht einfallen will, kommt immer näher bis er direkt vor mir steht.

„Heute gibs es frische von die Huhn mit Marinade von die Lakritz“, sagt er sachlich, dann schmeisst er das Besteck ins Publikum und schmettert gestenreich. „Smörebröd, Smörebröd, haha! Ramm-tamm-tamm-taaaahh….“ Er reicht mir den Teller, verneigt sich kurz, sieht meinen verwirrten Blick und verharrt kurz. Aus der Studiokulisse ruft Johann Baptist nach oben, da wendet sich der mir unbekannt gebliebene Zwergenkoch ab, dreht sich beim Verlassen der Sitzreihe noch einmal um und sieht mich ärgerlich an. Schließlich zieht er mit schüttelndem Kopf davon. Derweil erbricht sie die Kaltmamsell in ihre Zwischenmahlzeit.

„Iiiiieh“, schreit das Publikum.
Johann Baptist stürmt mit besorgtem Gesicht herbei.
„Was ist denn?“ fragt er.
Das ergiesst sich ein zweiter, satter Strahl aus der Kaltmamsell heraus in die Pfanne, die sofort ergurgelnd zischt und fleißig brät, was ihr eingegeben.
Die Assistenten bringen Handtücher und die Kamera dreht auf die beiden Lausbuben, die sich feixend die Finger in den Hals stecken und das Würgen nachspielen. Da gurgelt es bereits wieder hervor. Ein drittes Mal und sogar ein viertes Mal muss sich die Kaltmamsell übergeben, ständig reicht Johann Baptist eine Pfanne, einen Schmortopf, eine Casserole nach, um alles auffangen zu können, während der kleine Koch bereits den Inhalt der ersten Pfanne wendet und Mr Oliver bienenfleißig Schotenscheiben hineinschnibbelt, abschmeckt und alles „Amazing“ oder „Amazing great“ findet.

Ich halte mir Ohren zu, wieder andere haben sich auf ihren Stühlen weggedreht, andere hingegen sind aufgesprungen und wedeln mit der Armen. Sie fordern ihr Recht nach einem Probeteller geradezu ekstatisch ein. Die Kaltmamsell bricht zitternd auf einem Regiestuhl zusammen und weint bitterlich. Es wird sich rührend um sie kümmert, man legt ihr Handtücher um und sie bekommt aus der Kulisse Wasser gereicht, Johann Baptist steht neben ihr und hält ihr die Hand, allerdings weiß er als Profi, dass die Sendung weitergehen muss.
„Wie sieht es aus? Können wir etwas retten?“ richtet er seine Frage an Mr. Oliver und den Zwergenkoch, dessen Name mir nicht einfallen will.
„Wir ‘aben ‘eute“, die Nase des Zwergenkoches kräuselt sich, als am Inhalt der Pfanne schnuppert, „gebrauchte Ei auf Champignon-Mousse mit gekaute Rind an Schote von die Chilli.“
„Das ist ein Paaahmpf“, ruft die Kaltmamsell kärglich und ist unter zischendem Blubbern und Aufplatzen wabriger Blasen in den Schmorpfannen und Casserolen kaum zu hören.
„Meine Damen und Herren“, frohlockt Johann Baptist, „ein Pampf. Wer möchte probieren?“
„Ein Noro am Abend“, sagt Alfons und kaut bedächtigt, „ist erquickend und labend!“
„Dann haben Sie es gehört, meine Damen und Herren“, moderiert Johann Baptist, „ein Noro-Pampf!“

Der erste Teller wird in den vorderen Reihen herumgereicht, eifrig löffeln die ersten Gourmets den Pampf in sich hinein und nicht Gestocktes läuft ihnen sauer-stinkend aus dem Mundwinkel. Mir wird schlecht, zumal ich das Gefühl habe, es riechen zu können. Rieke starrt mich von der Seite an.

„Weißt du“, sagt sie, „nirgendwo kann man mit dir hingehen. Immer ist irgendwas!“
„Was kann ich denn dafür?“ frage ich sie.
„Das ist doch deine kranke Fantasie!“
Ich erschrecke. Das sollte meine Fantasie sein? Alfons, der von mir unbemerkt die Treppe hochgekommen war, beugt sich zu mir herab.

„Ja. Alles deins.“
Ich fahre zusammen.
„Das ist doch Schwachsinn“, sage ich entrüstet. „Warum soll ich hier wieder an allem Schuld sein?“

In der ersten Reihe erbricht sich ein junger Mann, der vorher fleißig vom Pampf probiert hatte. Sofort sackt er zusammen, krümmt sich und seinen Mageninhalt auf den Studioboden, seine Sitznachbarin, angeekelt, muss mit sich kämpfen und hält sich Mund und Nase zu. Bis ihr eine Lache Erbrochenes von hinten zwischen ihre Füße sickert, nun kann auch sie nicht mehr, lässt ihrem Magen freien Lauf und erbricht sich mehrere Male heftig. Ein kleines Kind fängt an zu schreien. Johann Baptist gestikuliert in Richtung Regie, doch aus der Box ist nichts anderes als stöhnendes Gurgeln zu hören. Das Studio verfällt in Chaos, während sich die ersten Reihen inzwischen fast als Gesamtheit erbrechen, drängelt das Publikum dahinter aus den Sitzreihen heraus. Einige stürmen zum Ausgang, andere rennen in die Kulisse und stürzen sich auf die fertigen Speisen, zerren an Lamm und Rind, schubsen sich und drängeln an den Ofentüren. Hart gesottene Zuschauer drängeln sich um Mr Oliver und lassen sich in die Kunst der Chilischote einweisen. Johann und Alfons haben es sich nebeneinander auf der langezogenen Arbeitsplatte bequem gemacht, küssen abwechselnd sich auf die Stirnplatte und wenn ihnen ein Zuschauer zu nahe kommt, darf auch er sich geküsst fühlen.

Ich ziehe Rieke hinter mir her. Sie ist furchtbar grün im Gesicht, lange würde es nicht mehr dauern, bis sie ihren Widerstand aufgeben würde. Ich versuche sie zwischen den hinausdrängenden Massen hinaus zu geleiten. In der Kulisse tritt Johann Baptist inzwischen mit voller Wucht in die Küchenschränke, er ist sichtlich sauer.

„Da schreit doch ein Kind?!“, fragt mich Rieke.
Ich versuche hinzuhören. „Ja?“
„Ja! Ist das Paul oder kommt das von oben?“
Ich gucke nach oben. „Wie? Oben?“
„Gehst Du oder soll ich?“
Ich verstehe sie nicht. Sie sieht mich genervt an. Dabei wechselt sie ihre grünliche Gesichtsfarbe ins Blaue. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Wie macht sie das und gerade als ich sie fragen will, wird mir der Boden unter der Füßen weggerissen. Ich werde wieder emporgehoben und irgendetwas zieht mich von Rieke weg. Ich schreie, ich protestiere und strampele mit meinem Beinen — Rieke unter mir wird kleiner und kleiner, ich sehe nur noch, wie sie zu mir hinaufsieht und mit dem Kopf schüttelt. Dann tauche ich in einen bläulichen Nebel ein, der mich in eine unendlich schwere Müdigkeit zwingt. Ich will nicht schlafen, ich will einfach nicht schlafen, aber ich kann mich nicht wehren. Ich versuche krampfhaft die Aufen zu öffnen, aber es will mir einfach nicht gelingen. Erst als ich Paul schrecklich weinen höre, nehme ich alle Kraft zusammen und reiße meine Augen auf. Augenblicklich verschwindet der Nebel um mich herum und ich sehe auf ein klares, bläuliches Schimmern auf einer beigefarbenen Wand. Ich setze mich ruckartig auf, ich bin schweißgebadet. Ich sehe zum Babyfon und sehe wie es ausschlägt, ich höre meinen Sohn wimmern und setze die Füße bereits aus dem Bett, da entdecke ich den Fernseher auf dem Sideboard, der noch läuft.

„Oh nein“, denke ich bei mir, als ich auf die Mattscheibe starre.

Ein Koch in einem karierten Flanellhemd und hochrotem Kopf beißt gerade einer roten Chilichote den spitzen Kopf ab und röchelt genüsslich die Schärfe hinunter…

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