Dezember 22, 2007...7:11 Uhr vormittags
Ein Fest in voller Wucht
Wer das Fest der Feste von seiner unmöglichen Seite sehen will, der sollte sich von heute an unter die Unmengen von Menschen machen, die erst die Panikattacke brauchen, um endlich ihre Weihnachtsseinkäufe zu erledigen. Doch Vorsicht ist geboten: Wer zu lange hin und her gestoßen wird, hat später vielleicht keine Lust mehr auf Weihnachten. Hier die Reißer des gestrigen Tages:
I.
Rieke und ich stehen um die kläglichen und vollkommen überteuerten Putenschnitzel im Kühlregal herum und sind enttäuscht. Um uns herum scharwenzelt ein ungepflegter Mann mit ungekämmten Haaren, der uns mürrisch ansieht. Er steht direkt vor uns, trippelt ein paar Schritte nach rechts, nach links, um letztlich wieder vor uns stehen zu bleiben. Er sagt jedoch keinen Ton. Als wir unsere Fleischberatung beenden und den Gang verlassen, schnauzt er uns leise, jedoch deutlich vernehmbar an:
“Na? Haben wir endlich ausgeschnattert?”
II.
Im selben Laden, der gedenk des Wochenendes vor Heiligabend rappelvoll ist. Wir stehen ein paar Meter weiter vor den gekühlten Milchprodukten, Rieke rangiert gerade Kinder- und Einkaufswagen zurecht, während ich Sahne und Butter zusammensuche. Das passt irgendeinem gehetzten Alphatier natürlich nicht, dass Rieke dort versucht, es allen Recht zu machen. Er schimpft und blökt im Laden herum.
“Meine Güte, erst stehen Sie hier herum, dann stellen sie sich dorthin, dann wieder hier…”
– “Also wenn Sie nichts zu meckern haben, dann sind Sie doch auch nicht glücklick!” springt eine andere Frau Rieke bei.
III.
Wenig später runde ich die Einkäufe in einem Discounter ab. Das Publikum wird nicht besser. Ich habe den Einkaufswagen beiseite geschoben, damit er niemandem im Wege steht. Ich wühle mich durch Aufschnittplatten für die kommenden Tage, suche in Ruhe ein wenig Wurst da, Käse hier und finde auch noch den geliebten saisonalen Bratapfel-Joghurt, als ich bemerke, wie ein Ehepaar sich an meinem Wagen vorbeizwängen will, weil eine Frau ihren Einkaufswagen direkt neben meinem abgestellt hat. Besagte Frau jedoch bekommt es nicht mit, wie das Ehepaar durch die beiden Wagen hindurch will, weil sie ihren Kopf tief in der Gefriertruhe stecken hat. Weil aber der Herr der Schöpfung mit seinem dicken Hintern nicht durch den Spalt passt und bald zuviel von dem ganzen Geschiebe und Gedrücke hat, lässt er seine Wut nicht etwa an der Dame im TK-Fach aus, die ihren Wagen nur wegzuschieben bräuchte, nein, er schnappt sich meinen Wagen, packt mit seinen beiden Riesenpranken an und schleudert ihn quer durch den Laden, so dass er gegen ein weiter hinten stehendes Regal kracht und mitten im Gang zum Stehen kommt.
“Erst mal weg hier mit dem ganzen Scheiß”, schreit er entzürnt.
– “Sagen Sie mal, Sie spinnen wohl? Das nächste Mal können Sie eins auf die Zwölf kriegen!” motze ich ihn vollkommen entgeistert an, als mein Wagen durch den Laden fliegt. Zuckend fährt der Wagenschmeißer zusammen, als ich auf ihn zugestampft komme. Seine Frau rollt die Augen und schämt sich sichtlich.
Es ist kein Gerücht, wenn einem jemand erzählt, Männer bekämen beim Einkaufen einen so hohen Puls wie ein Kampfpilot im Einsatz. Gerade zu den Feiertagen, wenn sie vom Eheweibe mitgezerrt werden, um die Einkäufe nach Hause zu schleppen, würde ich dieses Phänomen sofort unterschreiben. Wer so wie ich domestiziert ist und regelmäßig die Einkäufe stemmt, der hat kein Problem mit den Massen und dem Geschiebe — auch wenn ich, wie ich zugeben muss, das ein oder andere Mal der inneren Anspannung ob der Attacken wutschnaubender Einkauswagendrängler zu gerne nachgegeben und mit gefrorener Lammkeule zugedroschen hätte.
In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!
1 Kommentar
Dezember 26, 2007 um 3:20 Uhr nachmittags
Du hättest zudreschen sollen… Also zumindest bei Tor Nr. 3… Meine Güte, “überhaupt keine Frustrationstoleranz” würde jetzt der Ubler sagen (also zu dem Einkaufswagenandiewandschieberspinner), der hier auch domestiziert ist und meist allein einkaufen geht (ohne Führerschein kann ich leider nicht…) :D
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