17. März 2008...12:00

Schulterflecken

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Es ist erst wenige Tage her, da befragte mich Interpol unter Einsatz einer einhundert Watt-Lampe, Energiesparen war nicht im Budget enthalten, wie ich mir denn vorkommen würde. Eine Frage, die mich aufgrund ihrer Ungewöhnlichkeit aus meiner sonstigen Ruhe rutschen ließ. So eine Frage hatten Bundes- und Landeskriminale als auch die Herren in Grün von der Schutzpolizei nicht gestellt. Dennoch antwortete ich sachgemäß und ruhig: Ich käme mir eben vor, wie ich mir vorkäme. Das sagte ich in vermehrt verdutzte Gesichter, die nicht glauben wollten, wie gelassen ich an die Sache heranging. Schon zuckte der Herr rechts vor mir nervös mit seinen Augen und sein Kollege schwitzte unter der Last seiner bereits von alleine rauchenden Lunge. Man wüßte Bescheid, donnerte der eine.

Ja, sagte ich, es sei gut möglich, dass sie Bescheid wüßten, es sei ja auch kein gehütetes Geheimnis. Die Antwort war anscheinend zuviel des Guten. Meinen Anwalt, so jedenfalls der Herr mit der selbstrauchenden Lunge, könnte ich jetzt erst einmal vergessen. Das machte mir allerdings nichts aus, schließlich hatte ich nichts zu verbergen. Ein nervöser Dauerläufer umkreiste mich ständig, stank entsetzlich nach Schweiß und sagte kein Wort. Abundzu hielt er in seinen Umrundungen inne, blickte mich, so ich die Stiche im Nacken richtig deutete, eindringlich an, drehte sich manchmal und lief, plattfüßig oder nicht, entweder in die eine Richtung, oder aber weiter in die Richtung, in die er gehen wollte, bevor er mich angestarrt hatte. Nun aber knallte er eine Akte vor mir auf den Tisch, öffnete sie, legte Fotos nebeneinander und keifte, als würden die Fotos Unwiderlegbares zeigen: „Da, da, da und da!“ und ich fühlte mich an mein Haus, mein Auto und meine Jacht aus einem Werbespot erinnert. Nur zeigten die Fotos weniger Interessantes oder zumindest schön Anzusehendes. Sie zeigten mich. Mich alleine, mich mit mehreren Leuten, die ich alle kannte, im Kreis stehen, mich im Sand, mich auf der Straße. Zweifelsohne eine Scheußlichkeit, aber strafbar?

Ich bejahte fleißig. Ja, das sei ich. Ohne Frage. Doch was daran verwerflich sei, außer die miserable Leistung des Fotografen? Hinter mir wurden Zähne geknirscht, eine Faust rammte sich geballt in die gegipste Wand. Ob ich nicht zugeben wolle, einer Geheimorganisation anzugehören, einer kriminellen, wenn nicht sogar terroristischen Vereinigung, fragten sie mich und ich, der keinen Schimmer hatte, wie ich in diese Situation geraten war, zischte verwirrt. Ffft, blies ich die Backen auf, ffft. Das sei doch Kokolores, betonte ich, aber der Dauerläufe hinter mir, wollte gar nicht zuhören, als er von geheimen Erkennungszeichen fabulierte, von den immer selben Treffen mit immer denselben Leuten an immer denselben Orten. Ob das nicht ein wenig zu auffällig gewesen wäre, fragte ich ihn, da platzte ihm der Kragen und er zerrte mich an meinem zu sich hoch. Sie wüßten um die geheimen Abzeichen und ich solle nicht dümmer tun, als ich wäre. Dann schüttelte er mich ein wenig und erst als einer seiner Kollegen ihn ermahnend „René!“ zurief, ließ er von mir ab und schwafelte siegessicher von hellen, schmutzigen Flecken auf der linken Schulter und verwies mit seinem Daumen, dessen Fingernägel abgeknabbert waren, auf Fotos, wo all jene, die um mich herumstanden, tatsächlich einen hellen Fleck auf der jeweils linken Schulter zeigten, einschließlich meiner Wenigkeit. Ich schielte nach links und tatsächlich sah ich auch jetzt eine helle, verkrustete Stelle auf meinem T-Shirt. Der Dauerläufer, der auf den Namen René zu hören schien, wertete meinen erstaunten Blick wohl als Bestätigung seiner Theorie, denn er lachte kurz und gemein auf, und deutete dann auf weitere Merkmale, die zu meiner Verhaftung und der jetzigen Befragung geführt hatten. Die fahle Gesichtsfarbe, meinte er. Die abgelegenen Treffpunkte. Was an einem Spielplatz abgelegen sei, entgegnete ich ihm und erntete neue Entrüstungsstürme, ich solle nicht so scheinheilig tun. Ständig würde ich dort herumlungern und mit Komplizen und Mittelsmännern Dinge besprechen, von denen man nun hören wolle. Der Ermittler hinter der Lampe tippte auf ein Foto, wo ich mich in einen Kinderwagen hinunterbeugte. Was in diesen Dingern drin sei, wollte er wissen. Babies, sagte ich und spürte sofort darauf einen dumpfen Schmerz im Nacken. Der Dauerläufer hatte mir mit seinem Ellenbogen ins Genick geschlagen. Mindestens Chemikalien zum Bombenbau, dröhnte der eine, während mir noch helle Blitze durch den Kopf schossen. Ich verneinte. Weder dies, noch Drogen oder Waffen. Drogen oder Waffen, soso, rief der Dauerläufer, man käme der Sache ja schon näher, als hätte er meine Verneinung nicht wahrgenommen. Oder sollte ich sagen, wahrnehmen wollen? Auspacken solle ich endlich, brüllte die Silhouette hinter der Lampe. Also packte ich aus.

Heute, heute sitze ich wieder hier. Ich habe keine Ahnung, ob sie mir geglaubt hatten, als ich ihnen erzählte, dass wir Väter von Säuglingen seien, die sich täglich mit ihren Jüngsten auf dem Spielplatz träfen. Dass in den Kinderwägen tatsächlich nur Babies lägen, packte ich aus. Stinknormale Babies, weder Terroristen noch Kriminelle. Dass die natürliche Blässe unter uns Vätern nur dem nächtlichen Wachen an den Betten unserer Kinder geschuldet sei, ebenso wie der Fleck an der linken Schulter den brei- oder milchgeränderten Mündern unserer Kinder, wenn sie beim Ausbäuern auf unserer linken Schulter eifrig rülpsten. Geglaubt hatten sie mir jedenfalls nicht. Erst als ein Herr mit zerknirschter Miene aus einer kaum sichtbaren, einer in die Wand eingelassenen Tür trat, sich räusperte und den Dauerläufer zu sich heranwinkte, ließen sie von mir ab und entließen mich zügig aus meinem Verhör. Vielleicht selbst ein Vater…? Auf Antworten zu meinen Anfragen bei verantwortlichen Stellen warte ich wohl vergeblich…

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