22. März 2008...22:14

Das mit den Ostereiern

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Nun also kann es beginnen: Das Verstecken der Ostereier für die Kleinsten. In einer großen Stadt wie Berlin heißt das für viele Kinder in erster Linie, zu Hause in den eigenen vier Wänden zu suchen. Ich war so ein Kind. Bis zum 13. Lebensjahr wuchs ich in einer ehemaligen Sozialbausiedlung im Süden der Stadt auf, die irgendwann an Spekulanten verhökert wurde, und so, Wohnung für Wohnung, hatte es sich dann mit dem sozialen Wohnungsbau und mit der Familienfreundlichkeit für junge Familien. Nichts desto trotz wurden Ostereier bei uns im Wohnzimmer versteckt, das sich in meiner Erinnerung so groß wie eine Halle anfühlte, heute jedoch, nüchtern auf einem alten Farbdia betrachtet, nur ein normales Zimmer gewesen war. Wenn ich also nicht bei meiner Oma im Garten suchen durfte, suchte ich eben zu Hause. Zwischen alten Langspielplatten, in den Kassettenschubladen, ich suchte in den Leinenbezügen unserer Sessel aus der ersten Möbelschwedenstunde, ich suchte zwischen den Büchern im großen Wandschrank, in den Kübelpflanzen, im riesigen Wollekorb meiner Mutter, die fleißig gegen das Rauchen strickte, im Setzkasten zwischen allerlei Kupfer- und Messinggedöhns, im TV-Tischchen, wo sich in hängenden Leinentüchern noch sehr dünne TV-Zeitschriften lümmelten, rund um den Esstisch und überhaupt überall da, wo ich schon immer gesucht hatte und fündig wurde. Den größten Teil des Nests, ein Körbchen mit dem klassisch immergrünen Ostergras und einem Osterhasen fand ich meist im Wollekorb, wohl schon alleine, weil der Korb den größten Platz bot.


Ostern in den Siebzigern: Mein Bruder im hallenartigen Wohnzimmer, dass doch nur eine normale Größe hatte…

An manchen Osterfesten, wenn mein Bruder und ich nacheinander, nur selten nebeneinander suchen durften, lachte meine Mutter, wenn wir ihr mit stolzen und roten Backen ein gefundenes Ei präsentierten, weil sie genau wußte, dass sie dort kein Ei versteckt hatte, wo wir es fanden. Was also lag näher, als die zutreffende Annahme, dass das Ei, welches wir gefunden hatten, seit längerer Zeit, also genauer gesagt, seit dem vergangenen Osterfest — oder noch länger — auf seinen Entdecker wartete. Das allerdings tat unserer Freude keinen Abbruch, denn schnabuliert wurde das Ei trotzdem, egal wie weiß überzogen die Schokolade auch gewesen sein mußte und wie trocken und staubig die Füllung war.

Die meisten jener „Blindgänger“, die wir in zahlreichen Osterfesten nicht gefunden hatten, fanden wir beim Auszug, als wir die Wohnung wirklich leerräumten und viele der alten Möbel für den Sperrmüll zerlegten, da kullerten aus verborgenen Ecken und Winkeln meist kleine Vollmilchkugeln in bunter Alufolie über den Boden, aus den Verstecken auf direktem Weg in meinen Bauch — noch ehe jemand etwas sagen konnte.

Ab diesem Osterfest werde ich die Eier für meinen Sohn Paul verstecken, der morgen nach dem Aufstehen feststellen wird, dass überall in der Wohnung Schokolade in buntem, glitzerndem Papier aus Ritzen, Ecken und Löchern zu ihm herüberblinzeln wird, die er nehmen und essen darf. Ich bin gespannt, wann er sein Nestchen finden wird, in dem in immergrünem Ostergras ein Osterhase auf ihn wartet, und das, wie sollte es anders sein, in jenem Korb versteckt sein wird, in dem meine Mutter stets ihre Wolle gegen ihr Rauchen ablegte und den ich inzwischen an mich genommen habe — nur eben ohne Wolle. Morgen geht es also los: Die Tradition, die in den nächsten Jahren nicht geändert werden darf, ohne dass unsere Kinder Amok laufen, wie ich und mein Bruder es taten, wenn nicht alles so stattfand, wie es immer stattgefunden hatte. Morgen passiert es: Das Verlieren und Vergessen von Ostereiern, die wir vielleicht, nächstes oder übernächstes Ostern erst finden werden. Oder eben erst bei einem Auszug…

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