April 1, 2008...1:32 Uhr nachmittags
Machtergreifung
Gegen die Geisterstunde, als ich zufällig aus dem Fenster sah, wunderte mich die betriebsame Hektik, die ich in den Augenwinkeln wahrnahm, also entschloss ich mich genauer hinzusehen. Da tanzten doch tatsächlich lauter Frauen mittleren Alters in dunkelblaue Winterjacken und Hosen gekleidet, mit einem schiefaufgesetztem, ebenfalls dunkelblauen Barret auf den dauergewellten Haaren, Hand in Hand um die neuen Parkscheinautomaten herum, die die deutsche Gründlichkeit in schierem Finanzwahn in den vergangenen Wochen in unserem Wohnviertel aufgestellt hatte, und die zum Monatswechsel, also just in diesem Moment, ihren Dienst aufgenommen hatten.
‘Ordnungsamt’, konnte ich lesen, immer wenn die deutsche Gründlichkeit dem orangefarbenen Laternenlicht ihren Rücken zuwendete. Ich schloss die Augen, kniff sie fest zusammen und sperrte sie wieder auf, um zu sehen, ob mir nicht meine bisweilen lebhafte Fantasie einen Streich zu spielen gedachte. Doch es änderte sich nicht: Das weibliche Ordnungsgeschlecht tanzte ausgelassen um das solarbetriebene Gerät herum, dass in allen Farben seine Bedienknöpfe leuchten ließ und die Melodie “Money makes the World goin’ round” aus dem Musical “Cabaret” spielte.
Wieder andere huschten um die parkenden Autos herum, sahen in die Windschutzscheiben, ob sich in dem dort abgestellten Personenkraftfahrzeug auch die ordnungsgemäß bezahlte Parkraumanwohnerplakette befand, und wenn nicht, tippten sie behende mit kleinen wurstigen Fingern allerlei Daten in ihre elektronischen Knöllchenkonsolen und klemmten dann das ausgedruckte Sündenpapier unter den Scheibenwischer. Weil sie aber dabei sehr ausgelassen die Ausweitung ihrer Wirkungsstätte auf unser Wohnquartier feierten, standen nicht wenige Autos in unserer Straße, die unzählige im Wind flatternde Knöllchen auf den Scheiben, im Türspalt und auf der Motorhaube kleben hatten.
Von weiter unten in unserer Straße vernahm ich dumpfen Lärm. Ich starrte bemüht in die Dunkelheit, aus der der Lärm kam, der sich scheinbar näherte. Vibrierte da etwa meine Fensterscheibe? Ich legte mein Hand auf sie und spürte die dumpfen Vibrationen, die die Straße heraufkamen. Ich öffnete das Fenster und beugte mich vor, um mehr sehen zu können. Ich glaubte zu erkennen, dass eine riesige Masse an Menschen scheinbar im Gleichschritt zu marschieren schien und dabei lauthals sang. Was sie sangen, konnte ich nicht verstehen, denn die lauter werdende Schrittfolge überspülte den Gesang jener lauten, tiefen Stimmen. Mich schauderte es. Dann spülte der Lärm plötzlich das helle, flackernde Licht in die Straße, dass zwischen dunklen Baumkronen zuckte und sich die dunklen Häuserschluchten zu eigen machte. Ich ging ins Wohnzimmer, holte aus einem Regal ein Fernglas und kehrte ans Fenster zurück. Beim Durchblicken erstarrte ich.
Am Ende unserer Straße quollen aus zwei Richtungen hunderte Männer mit hell brennenden Fackeln, in dunklen Hosen und Winterjacken, mit Barret auf dem Kopf aus der nördlichen und südlichen Ackerstraße in die unsrige, gliederten sich zu einem die Straße füllenden Zug zusammen, liefen im Gleichschritt und sangen mit aufgerissenen Mündern aus fahlen, ausdruckslosen Gesichtern im schaurigen Licht der mitgeführten Fackeln. Unter mir kreischte es frenetisch und ich senkte mein Fernglas, um zu sehen, wie die weiblichen Ordnungskräfte auf die Straße gelaufen waren, ihre Arme hochrissen, auf der Stelle hüpften und den Zug ihrer Kollegen bejubelten, die die Anklamer Straße hinaufmarschierten. Es blieb von mir nicht unbemerkt, dass ich nicht alleine am Fenster stand. In den Häusern gegenüber öffneten sich Fenster und schlaftrunkende Nachbarn blinzelten müde aus dem Fenster. Wieder andere starrten mit aufgerissenen Augen vor Entsetzen in die Nacht. Am unteren Ende des Straße zeigte sich ein Mann am Fenster, der unverhohlen am Fenster den rechten Arm stolz nach oben streckte, zwei Häuser weiter stand auf ihrem Balkon ein ältere Dame, die in der rechten Hand ein kleines rotes Fähnchen hielt und die linke Hand zur Faust geballt nach oben reckte. Ihr Hund bellte schwanzwedelnd neben ihr.
Die erste Reihe der marschierenden deutschen Ordentlichkeit war schon fast mit unserem Haus auf Augenhöhe, da verstand ich erst den Gesang, der aus heiseren Männerkehlen gröhlte. “Parkraum, Parkraum, über alles…”, sangen sie und marschierten erhobenen Hauptes die Anklamer Straße in Richtung Arkonaplatz hinauf, dem Herzen unseres Wohnquartiers. Die Straße erschauerte, der Boden unter meinen Füßen dröhnte, als der Zug von mehreren hundert Fackelträgern vorbeimarschierte. ‘Das haben die doch geübt’, haderte ich mit mir. ‘Das haben die doch lange geplant’, war ich mir sicher, als ich von einem Handgemenge auf der anderen Straßenseite abgelenkt wurde. Ein junger Mann war aus dem Haus gegenüber getreten und als ihn sofort mehrere dunkel gekleidete Männer in die Hofeinfahrt zurückdrängten, schrie er wie am Spieß und wehrte sich heftig.
“Ich hab’s Euch doch gesgt, sie werden kommen”, brüllte er aus Leibeskräften. Daraufhin stürmten noch mehr Männer aus dem Marschzug aus, warfen sich in das Handgemenge, erstickten sein panisches Schreien und nur wenige Sekunden später konnte ich außer den dunkel gekleideten Männern nichts mehr sehen, die sich in der Hofeinfahrt postierten und irgendetwas verdeckten, was ich nun nicht mehr sehen sollte. Aber ich wußte auch so, was dort drüben geschah. Ich weinte vor Wut stumm an meinem Fenster und schluckte die salzigen Tränen und die bittere Wut herunter. Neben mir am Fenster stand ein älterer Herr mit schlohweißem Haar. Er blickte die ganze Zeit hinaus, schüttelte den Kopf und sah dann zu mir herüber, deutete mit seiner ausgestreckten Hand wortlos auf den Zug, der noch immer an uns vorüberzog, und ich konnte im Schein der flackernden Fackeln seine Tränen sehen, die über seine Wangen gelaufen waren. Er guckte mich noch immer an. In seinen Augen spiegelte sich seine Fassungslosigkeit und ein stiller Vorwurf wieder.
“Nicht zum Dritten Mal”, hörte ich ihn trocken sagen und dann sah ich nur noch, wie er aus dem zweiten Obergeschoss aus dem Fenster stürzte und auf den Fussgängerweg dicht neben der frenetisch jubelnden Ordnung aufschlug und vollkommen verzerrt liegenblieg. Ich krampfte zusammen und kämpfte gegen den hochschießenden Magensaft, der unweigerlich hinaus wollte. Die öffentliche Ordnung quiekste einmal kurz auf, dann besahen sie sich den alten Mann, drehten ihn und wendeten ihn, und weil sie nichts entdecken konnten, druckten sie ein Knöllchen aus und klebten es dem Toten auf die Stirn, kicherten irre und untersuchten das nächste Auto, ob es denn eine Vignette hatte.
Ich erbrach mich derweil in meinen Lavendel im Blumenkasten…
“He, Sie, hören Sie mal”, brüllte eine der Ordnungswütigen, die dem Toten die Sünde auf den Weg mitgegeben hatten und der mein Erbrochenes auf die Jacke tropfte, und funkelte bösartig nach oben. Ich erschrak und unfähig etwas zu tun, blieb ich am Fenster stehen und zog nur meinen Kopf ein Stück zurück. Unter mir sammelte sich ein Grüppchen deutscher Gründlichkeit, sprach sich ab und verschwand in der Hofeinfahrt. Ich spürte mein Herz im Hals schlagen, ich spürte, wie sich der kalte Angstschweiß aus meinen Poren drückte. Ich atmete kurz und schnell, mein Puls raste. Jetzt ist es vorbei, dachte ich, jetzt ist es vorbei.
Dann klingelte es an der Tür …
4 Kommentare
April 1, 2008 um 1:52 Uhr nachmittags
[...] Hinweis: Es sind noch 159 Besucher vor Ihnen. Toll… Und alles wegen eines blöden Anwohnerparkausweises. Wir hätten sogar noch länger gewartet, hätte uns nicht eine Frau mit Kind ihre Wartenummer [...]
April 22, 2008 um 12:30 Uhr nachmittags
Du hast eindeutig den wohl größten Knall, der mir in den letzten Monaten untergekommen ist ;D Respekt!
(Deine Geschichten erinnern mich an jene, die ich damals auf dem Gyn für die Schülerzeitung geschrieben habe *lach* Ich mag sie.)
April 23, 2008 um 8:13 Uhr vormittags
@Frau Giftzwerg: Da würde ich mir mal Gedanken machen, ob Du nicht mindestens einen genauso großen Knall hast, wenn Du die Geschichten magst :))
April 23, 2008 um 5:25 Uhr nachmittags
:P
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