Mai 4, 2008...8:05 Uhr nachmittags
Der Fuzzi mit dem Strom
Mitten im Leben im Laden — da steht er und wartet darauf, den Menschen eine Weltanschauung einzubleuen. Ob sie wollen oder nicht. Aus seinem strahlend weißem Hemd wollt es um den Hals heraus und seine legeren längeren Haare umschmeicheln sein schlankes, braungebranntes Gesicht — sein Gesicht sagt Erfolg. Sein perfektes Jackettkronenlächeln strotzt vor übermenschlicher Freundlichkeit. Und schreit Erfolg. Seine langen Arme streckt er gerne jenen entgegen, die von soviel jünglicher Erfolgsgeschichte entwaffnet sind und sich sofort einlullen lassen, wenn er sie am Unterarm streichelnd an seinen Verkaufstresen zieht, einen Kaugummi und einen Kugelschreiber anbietet, während er ihnen mit einschmeichelnder Stimme erzählt, wie toll es ist, mit leckerem Strom etwas für die Umwelt zu tun.
“Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, Ihren Stromanbieter zu wechseln? Und dabei noch was für die Umwelt zu tun?” flötet er und spielt mit seiner Hand lasziv an der goldenen Schurwolle im leinenen Kragen, um die weibliche Kundschaft anzuziehen, die zahlreich stehenbleibt, zum Teil die schweren Tüten aus Jute fallen lassen und den eigenen Ehemann vergessen.
“Gib mir all deinen Strom”, raunen sie vielleicht und winden sich wie wuschige Katzen vor ihrem Kater.
“Was für die Umwelt, ist eine feine Sache”, kollegialisieren sich jene, die ihre Wannen über dem Gürtel herschieben und die Hände selten aus der Tasche herausbekommen, tröten für die Umwelt und meinen ihren Geldbeutel, aus dem ansonsten eher Discounterfleisch für den Grill, Bier und Pornoblätterware bezahlt wird und schieben hinterher: “Wenn der Preis stimmt, ne?”
“Ick bin ja dajejen, dit janze Ceh-Oh-Swei, vastehn Se?” empört sich einer im Minutentakt.
“Wir bieten Ihnen einen CO2 armen Energiemix aus regenerativer Erzeugung und setzen auf Atomstrom”, sagt er und versetzt dem Grübeln aus der Hüfte heraus phallische Stöße im Rhythmus seines Satzklangs.
“Ick weeß nich, Atom is’ ooch nich so meen Ding” wird gezweifelt.
“Atom setzt allerdings keinerlei CO2-Emissionen frei und schont nachhaltig die Umwelt”, hört er sich sagen, “darf ich Ihnen da etwas vorrechnen?”
“Sie haben doch nicht etwa Atomstrom dabei?”, fragt eine Kritische.
Er lächelt. “Wir bieten Ihnen einen reinen Energiemix aus regenerativer Erzeugung sowie Kraft-Wärme-Kopplung”, und er streckt ihr die Arme offen entgegen und gockelt vor ihr herum, als müßte er sich auf einem Fleischmarkt selbst anpreisen, während sie, als er sie an der Hand berührt, zerfließt und schmilzt. Wer interessiert sich schon für den Energiemix?
Erst abends, wenn der ihm der Schweiß über die braune Haut läuft und er seine Muskeln beim Abbau des kleinen Standes in der Vorhalle eines Supermarktes arbeiten lässt und die hölzerne Promoware in sein Auto lädt, verwischt der Erfolg in der trüben Brühe, die sein Haar nässt und sein Brusthaar verkleben lässt. Wird es dieses Mal reichen, denkt er sich vielleicht, als er die Verträge in seinen Aktenordner legt und die Finger anhand der Höhe des Vertragsstapel seine Provisionen schätzen? ‘Kann ich diesen Monat endlich meine Stromrechnung bezahlen und wieder am Netz hängen?’ fragt er. Vielleicht dringt er zu mir durch und entdeckt mich als er denkt: ‘Wissen Sie eigentlich, wie schwer es ist, ohne Strom sich so auf Erfolg zu bürsten jeden Morgen?’
Und ich fühle mich ertappt und lasse von ihm ab, wie ich ihn, Wort für Wort trete und ihn in seinem erfolgreichen Elend belästige. Suche ich mir eben einen anderen, ich bin mir nachwievor sicher, dass es genügend von ihnen dort draußen gibt. Es werden mehr…
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