19. Mai 2008...20:14

Schwarzer Montag

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Unser zweiter Sohn Oskar schubt püntklich wie die Maurer und ist damit genauso püntklich, wie schon einst sein Bruder Paul. Der Schubi-Bubi ist also dementsprechend vergnatzt, extrem anhänglich und so bald Frau Rieke es auch nur annähernd wagt, einen Schritt von seiner Seite zu weichen, selbst wenn er nicht hinsieht, dreht er kräftig an der Kurbel der alten Weltkriegssirene. Was also unser heutiges Nervenkostüm angeht, so war es eh schon bis zum Zerreißen gespannt.

Klar, dass dann auch noch Paul einen seiner schlechtesten Tage überhaupt haben musste. Nicht nur, dass er, kaum von Kindergarten wieder zu Hause eingetroffen, der Meinung war, überhaupt nicht mehr hören zu müssen, nein, seine Vernunft unterlag dem Streben nach eigenem Willen derartig, dass alles, was verboten war, jetzt und gleich in die Tat umgesetzt werden mußte: Kühlschrank, Klettern, Schmeißen, Schreien, Bocken, Oskar ärgern.

Das Ganze fand seinen Höhepunkt zum allabendlichen Abendbrot, nachdem wir ihm versprochen hatten, er dürfe nach dem Abendmahle seine Zunge am Fruchtzwerge-Eis verkühlen. Allerdings war mit dem Versprechen stets das Essen einer Wurststulle verbunden. Der gerissene Paule aber dachte, er könne sich mit dem Verzehr einer Hälfte durchtricksen. Als Frau Rieke und ich jedoch auch auf den Verzehr der zweiten Stullenhälfte bestanden, schnappte sich Paul kurzer Hand die Stulle mit Salami, stopfte sie sich in den Mund, prahlte „Aufegessen!“ und spuckte sie sogleich schön durchgekaut wieder aus, mit dem Kommentar versehen: „Alt!“, was bei ihm gleichbedeutend war mit „Kann man nicht mehr essen, denn es ist ja alt!“ — Die Eltern ausgetrickst, so dachte sich der spitze Bube, während Oskar bereits laut quietschent dem Donnerwetter harrte.

Da blitzte und donnerte es schon über meinem Haupte und die Wolken zogen sich über unser beider Köpfe zusammen, während Frau Rieke, dem Gewitter entfleuchend, ihr Heil in der Flucht zu Oskar suchte, indess die beiden Schwaner-Männer, im familiär-bedingten Dickkopf ebenbürtig, sich giftig anfunkelten. Was blieb angesichts des gekonnten Tricks des Sohnes, als zu sagen: „So. Wenn Du die Stulle nicht isst, kriegst Du kein Eis. Dafür gehst Du ins Bad, Baktus suchen und ab ins Bett!“

Oh, wie herrlich sie singen konnten, die Fischer-Chöre brüderlicher Zweisamkeit. Wie sie sich ergänzten in ihren Stimmlagen, quieksend und schrill, klar und hell, zusammen gewiss sechs Oktaven und geeignet, den Mörtel aus der Wand springen zu lassen. Oder die Fassung aus dem Kopf. Wir taten das einzig sinnvolle und beendeten die abendliche Tafel. Paul mopperte sich laut schluchzend ins Bad und Oskar jammerte an Frau Riekes Schulter. Im energischen Ton erklärte ich dem laut schluchzenden Dickkopf, warum er nun sein Eis nicht bekommen würde, und da ihn die Erklärung nicht mehr interessierte, wechselte er gekonnt und facettenreich zwischem wehleidigem Schreien und gar schröcklichem Geschluchze. Trotz der zahnbürstlichen Suche nach seinem Baktus. Und dem Krokodil. Oder dem Käfer.

Dumm nur, dass ich zusätzlich zu seinem Wehklagen ob der Ungerechtigkeit und der förchterlichen Konsequenz seines Herrn Vaters noch seine Wunde, die er sich am heißen Cookieblech zugezogen hatte, zu reinigen gedachte. Doch nicht einmal die herumfluppschende Kernseife im Waschbecken interessierte ihn, vielmehr perfektionierte er sein bockiges Gehabe, wie er mit seinen kleinen Füßchen auf dem Hocker wütend stampfte, sich Hörnchen wachsen ließ und kleine Wölkchen Zornesdampf aus seinen Ohren blies. Bis, ja, bis er, wie die Erzieherin gerade noch am Nachmittag erzählte, beim Einweichen des Armes im lauwarmen Wasser, das eigene Wasser, links und rechts, an den Beinen hinunterlaufen ließ — ohne Windel. Natürlich.

Da wandelte sich das bockige Geschrei in herzzereißendes Schammesjammern, obwohl weder im Kindergarten, noch bei uns seine Trockenwerden-Versuche mit Intoleranz oder Sanktion geahndet wurden. Er stand wie ein begossener Pudel, man verzeihe mir den Vergleich angesichts des Sees zu seinen Füßchen, und von nun an, war nichts mehr recht. Das blöde Eis gab’s nicht, Stulle gab’s nun auch nicht mehr, um wieder ein Eis zu bekommen, dann die blöde Pfütze, und die Hose und die Beine nass und die blöde Toilette und das doofe Bett… und überhaupt.

Als ich dann auch noch das falsche Buch griff, war es dann gänzlich aus mit dem Rest an Contenance, den er sich vielleicht aufgehoben hatte, um nun den Holzpflock in das Herz seines Vaters zu rammen, der gänzlich zu Staub zerfiel, statt im Schrank an der Kleiderstange, kopfüber, zu nächtigen. Wir Frevler, wir. Soviel Leid an einem Tag. Oh, wir Frevler, wir.

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