28. Mai 2008...16:15

Stadt, Land, Scheidungsgrund

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Wir sitzen bräsig auf der Sonnenterasse und lassen uns das schwerdeutsche Essen durch den Magen rumpeln. Ich albere mit meinem Sohn bierseelig herum, zeige ihm, wie man seinen Mund verdrehen kann und welche Geräusche sich bilden lassen, während Frau Rieke im Garten des Restaurants schaukelt und sich von überneugierigen Blagen ausfragen lassen muss, wie alt sie sei. Und ob sie nicht die Schwester… Frau Rieke vermutet, dass irgendeine überneugierige Mutter von der Sommerterasse das wissen will, weil das Mädchen nach der Fragestunde schleunigst an den Tisch ihrer Eltern zurückkehrt und eifrigst Auskunft zu geben scheint.

Neben uns am Tisch kehrt Leben ein, ein Päarchen um die Mitte Dreißig mit gemeinsamen Kind in der roten Trendschüssel setzt sich und sie ist sehr bemüht, den Kinderwagen so zu stellen, dass die Sommerterasse auch ja sehen kann, dass die rote Trendschüssel einen weißen Kringel auf dem Verdeck trägt. Der Vater sieht aus, als käme er seit Wochen mit seinem veränderten Schlafrhythmus nicht klar, er steckt in einer grauen, ausgewaschenen Schlabberjeans, und sein T-Shirt unterscheidet sich nur in der Funktion von seiner Hose. Es ist immerhin ein T-Shirt. Seine Haut ist fahl, seine Augen ohne jeglichen Glanz und der ungepflegte 3-Wochen-Bart wuchert um die Ohren, in die Ohren, aus den Ohren, ein haariger Einheitsbrei in straßenköterblondgrau. Als ich sie angucke, stockt mir der Atem und ich zweifel an meiner eigenen Theorie über den Schlafentzug durch sein eigenes Kind: Sie ist der Inbegriff der verhärmten Oberlehrerin, strenges Gesicht, Lippen gespitzt und das Anklagende in ihren Augen hinter einer dünngerahmten, fitzelifutzeligen Oberlehrerinnenbrille. Dazu die weißgesteifte Bluse mit obligatorisch geöffnetem, ersten Knopf, darunter ihre ebenfalls viel zu spitzen Brüstchen, die sich durch den gesteiften Stoff bohren und bedrohlich funkeln. Die beiden sehen zusammen eher aus wie Arbeitsberater und Klient, als wie Mutter und Vater eines gemeinsamen Kindes.

Ich albere weiter mit meinem Junior herum, setze ihn auf meinen Schoß und halte ihn fest. Die vorbeieilenden Kellnerin huschen an uns vorbei und zerschmelzen, wenn der Kleine sie mit seinen großen, blauen Augen taxiert. In den Augen der Frau Studienrätin erahne ich einen kleinen Schuss Panik, als sie bemerkt, dass an unserem Tisch neben dem Kinderwagen noch ein Buggy steht. Die Selbstzufriedenheit, die ihr ihre Trendkutsche zu geben scheint, scheint der Panik, dass jemand mehr Kinder haben könnte als sie, die sie ja nun immerhin älter zu sein scheint als ich, allmählich zu weichen. Das Gesicht entgleitet ihr völlig, als Frau Rieke mit dem Großen vom Schaukeln zurückkommt. Ihr sichtbarer Geltungsdrang fällt ob des jungen Alters von Frau Rieke in sich zusammen. Sie ruckt nervös auf ihrem Stuhl umher und verbirgt, wie es in ihr brodelt. Sie zischt ihren Mann an. Dabei spitzen sich ihre Lippen und liefern sich einen Wettkampf mit den emporfauchenden Nippeln, die den gesteiften Blusenstoff zu durchtstoßen drohen. Er ist ahnungslos und blättert ziellos in der Speisekarte herum, er ist das perfekte Opfer für ihren Revancheakt ihrer gnadenlosen Niederlage im Wettrennen um, um, ja, um was wird hier eigentlich gerungen?

“Ich finde, Du solltest in diesem Sommer nicht soviel Bier trinken wie im letzten Jahr…”, faucht sie.
– “Also, jetzt übertreibst Du aber”, stottert er.
“Du hast da ganz schön zugelegt und ich finde, dass muss nicht sein.”
– “Ich werde doch wohl noch zum Essen ein Bier trinken dürfen.”
“Du kannst ja wohl mal was anderes trinken. Du musst immer so übertreiben.”
– “?!”
“Trink einfach weniger. Bitte! So, jetzt was anderes…”

‘Steh auf und geh, Mann’, denke ich bei mir, ‘das ist ein Scheidungsgrund*.’ Er jedoch ist eingeschüchtert und kontert auf seine Art und Weise. Die Kellnerin kommt zu ihnen an den Tisch.

“Was kann ich Ihnen denn bringen?”
Sie öffnet den Mund und will bestellen, er fährt ihr dazwischen.
“Ich hätte gern ein Malzbier”, sagt er und klappt die Karte mit süffisantem Grinsen zu.

* Stadt, Land, Scheidungsgrund = beliebtes Radiospiel mit den österreichischen Moderatoren Stermann und Grissemann bei Radio Eins. Es funktioniert wie Stadt, Land, Fluß – nur eben mit anderen Kategorien.

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