„Man kann nicht nicht kommunzieren.“ (P. Watzlawick)
Was man aber kann, ist merkwürdig kommunizieren.
I.
Ich komme bei meiner abendlich Fahrradausfahrt durch die Innenstadt am Rosenthaler Platz vorbei. Die Ampel dort ist meistens rot, wenn ich ankomme und so habe ich schwitzenderweise Zeit, rechts neben mir ins Café zu gucken, dass inmitten dieses Abgasgestanks seine Tische und Bänke an die Straße gestellt hat. Direkt an der Straße sitzen sich zahlreiche junge Menschen gegenüber, die nicht nur gerne konventionell durch bloße Anwesenheit kommunizieren wollen — „Hallo, ich hab ‘nen schicken Rock“ oder „Hm, ich’n dicken Schritt“, sondern auch noch die kabellose Variante nutzen, die im Café — oder besser: rund um das Café — angeboten wird. Wer kein Notebook oder Macbook in der Hand hält, um E-Mails zu schreiben, den Instant Messenger zu befüllen oder sich im Skype zu zanken, hält wenigstens ein Mobilfunkgerät in der einen Hand, DEN Latte in der anderen, wieder andere vielleicht DIE Latte. Versteckt kommunizierend quasi. Reden tut niemand. Weder der schüchterne Geek, der sich weibliche Profilfotos in irgendeinem Netzwerk besieht, noch die junge Dame neben ihm, die fleißig Buchstabe an Buchstabe hängt und auf mobile Antwort wartet. Ob sie sich kennen, weiß ich nicht. Es ist nicht zu erkennen. Das bloße Nebeneinandersitzen verrät es nicht, schließlich sitzen dort alle zusammen einsam. Es scheint dieselbe Generation zu sein, die bereits vor wenigen Jahren im zarten Teenageralter seit an seit mit Kopfhörern in den Ohren herumlungerten und sich später am Esstisch ihrer Eltern sagen hörten: „Ja, war fett.“ Heute sitzen sie erwachsener nebeneinander in schnieken Ich-seh-dich-siehst-du-mich?-Cafés, jagen verschlüsselte Nullen und Einsen durch die Luft, zeigen sich gegenseitig etwas auf dem eigenen Bildschirm und werden am Ende das Abends sagen: „Ja, war nett.“
II.
Vormittags sehe ich öfter einmal aus dem Fenster und lasse meinen Blick über die Häuserdächer schweifen, bevor ich mir die Augen wieder an meinem Monitor ruiniere. Nicht selten sitzen dann auf dem Spielplatz vor dem Fenster die Mütter, die ihre Kinder nicht in den Kindergarten bringen und stattdessen selbst für die Bespaßung sorgen müssen. Während also die Kleinen im Sand zu den Füßen ihrer Mütter buddeln, sich die Spielsachen gegenseitig klauen und mit Plastikschippen auf Kopf und Finger schlagen, sitzen die Mütter auf den Bänken, die die Sandkiste säumen, immer eine Mutter und ein Kinderwagen, Mutter, Kinderwagen, Mutter, Kinderwagen, aufgereiht wie auf einer Perlenkette und jede von ihnen hat die rechte Hand erhoben, den Ellenbogen auf dem Knie gestützt und in ihrer Hand mit wild zuckendem Daumen ein Handy ruhend. Welch eine Klingeltonsymphonie, wenn die Antworten nicht lange auf sich warten lassen. Beziehungsratgeber monieren, dass viele Ehepaar nicht in der Lage wären, gerade mal zwanzig Minuten am Tag miteinander zu reden — was also wird per Teh-Neun verhandelt und in die nächste Antenne gespeist?
III.
Grundsätzlich nach dem Duschen am Wochenende ziehe ich mir mein feinstes Ausgehzwirn an, style mich durch, nehme mein Handy und setze mich vor den Fernseher. Ich schreibe eine SMS an einen Fernseher. Der nimmt’s entgegen und schreibt es vor mir auf den Bildschirm wieder hin. Wenn ich Glück habe, antwortet mir HotCityGirl23, die auch ständig Kurzmitteilungen an ihren Fernseher schreibt. Spät in der Nacht, wenn ich meinen Monatslohn in das Sprechen mit meinem Fernseher investiert habe, hänge ich den Ausgehzwirn wieder in den Schrank und gehe schlafen. Angeblich hatte HotCityGirl23 einen scharfen Minirock an. Hat der Fernseher gesagt.



