Nun ist es so im Herzen Berlins: Die Mehrzahl der hier Wohnenden dürften Gutverdiener sein — die Zahl der Akademiker, die hergezogen sind oder hier Karriere gemacht haben, die Zahl jener, die sich daraufhin eines dieser omnipotenten Luxusgeländewagen oder ähnliches schwergeschossiger Benzinmonster gekauft haben, ist hier in den letzten Jahren exponential gestiegen. Die Miete hat sich diesem Drang natürlich angepasst. Erst neulich sahen Frau Rieke und ich, dass ein junges Paar eine Vierzimmer-Wohnung ab einundert Quadratmeter Altbau für bis eintausendvierhundertundfünfzig Euro suchte. Oder ein Single eine ein-Zimmer-Wohnung für bis zu vierhundertundtrallala Euro. Seit Jahren nun schon dreht sich die Preisspirale und verdrängt jene an den Rand, die bisher sehr idyllisch und doch urban wohnen durften. Handwerker, Angestellte, Arbeiter, Arbeitslose, Rentner und Familien mit Kindern werden verdrängt von jungen, dynamischen Damen und Herren, die den ganzen Tag blauhemdig wichtig erscheinen, die am Ohr mit ihrer Freisprecheinrichtung verwachsen sind oder von Familien, die ihren Vater nie sehen, weil er soviel arbeitet und reisen muss, um das Geld für Luxusweibchen, -kindchen und -heimchen heranzuschaffen. Moderne Rollenverteilung bei Akademikers? Nicht doch. Alles wie gehabt, wie vor hundert Jahren, ein tradiertes Rollenbild. Doch je wohlhabender die Gegend wird, desto, und anders kann es nicht bezeichnet werden, desto asozialer wird es. Vielleicht liegt es an der Mentalität der Karrieristen, die nur auf sich selbst sehen, um vorwärts zu kommen. Vielleicht hat sich das Praktikable im Job in das Privatleben eingeschliffen, die Ellenbogenmentalität, das ewige Nach-oben-lecken-nach-unten-treten. Vielleicht versuchen aber auch jene ihren Geruch mit Erfolg und anderen kostspieligen Oberflächlichkeiten zu überdecken, damit ihnen ja nicht anzusehen ist, welcher miserablen Kinderstube sie entwachsen sind. Die einfachsten Höflichkeitsformen wie „Danke“ oder „Bitte“ sind ihnen fremd, ein freundliches Lächeln ist ihnen so gut wie nie zu entlocken, sie gucken steif, nach vorne gerichtet und sehr oft arrogant auf ihre Mitmenschen herab. Immer seltener wird, dass einem Menschen aus dem Weg gehen, lieber rempeln sie einen an, statt Platz zu machen. Es ist, als würden sie ihren Platzanspruch beweisen wollen. „Ich gehöre hierher, ich hab es mir verdient, aber was ist mit Ihnen?“ Mehr und mehr kommen Frau Rieke und ich zu dem Schluss: Wie lange wollen wir noch hier bleiben?
16. Juli 2008...8:56
Die Kinderstube
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2 Kommentare
16. Juli 2008 um 23:15
Hm. Und wo wollt Ihr hingehen? Ich stimme Dir ja 100% zu, auch wenn ich selber nicht auf einen gewissen „Luxus“ verzichten will, das gebe ich gerne zu. Aber kommt mal nach München. Da ist das Ganze noch etwa 100 Mal schlimmer als in Berlin. Um hier als Familie mit Kind(ern) in der Innenstadt zu leben muß man schon sehr gut verdienen. Und außerhalb – im „Speckgürtel“ ist’s mindestens genauso schlimm. Da hilft nur an den „A…der Welt“ zu ziehen. Und das ist mit Kindern auch nicht so toll. Zumal man dann wirklich zwei Autos braucht (alles was in MUCs Reichweite S-Bahn-Anschluß hat ist sauteuer, genauso wie mitten in der Stadt). Eine Zwickmühle, die schon so manchen verärgert hat. …
16. Juli 2008 um 23:17
Ach ja, das mit der Kinderstube: das hat nichts mit beruflichem Erfolg zu tun. Die am besten Verdienenden sind oftmals die größten Ä….. Vielleicht brauct man das ja sogar als Voraussetzung, um in gewisse „Höhen“ vorzustoßen.