23. Juli 2008...7:06

An den Zapfsäulen

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I.
Die Stadt ist menschenleer. Nicht nur, weil Ferien sind und sich Autos nun nicht länger in öden Parklücken neben ungeliebten anderen halten lassen. Nein, es gibt derzeit interesantere Orte. Auflaufartige Zellen entstehen dort, wo Preise purzeln und die Hoffnung besteht, fünfzig und mehr Liter flüssigen Kraftgoldes zu Schleuderpreisen zu erstehen.

II.
Seit Jahren werden in den Touristenshops der Stadt erfolgreich Dosen mit Berliner Luft verkauft. Nicht umsonst evegreent es uns entgegen, dass das die Berliner Luft sei. Neuerdings gibt es auch die Richtung “Berliner Luft flavoured with Benzin” und “Berliner Luft flavoured with Rußpartikel”. Kostet gleich drei Euro mehr und unterliegt den Spritpreisschwankungen. Natürlich.

III.
An einer Tankstelle im Weddinger Teil der Brunnenstraße wurde seit Wochen an der Tankpreisanzeige gebaut. Nun hängt an der Anzeige ein Lehnstuhl, der über einen gesicherten und verschließbaren Leiterkorb zu erreichen ist. Neben dem Lehnstuhl ragt ein riesiger Hebel aus der Preisanzeigetafel heraus, der bequem vom Lehnstuhl zu erreichen ist. Mit der Fertigstellung kletterte ein Angestellter der Tankstelle auf den Lehnstuhl und im Abstand von zwei bis drei Minuten zieht er an dem großen Hebel und die Zahlen an der Tankpreisanzeige beginnen zu rotieren. “Faites vos jeux!” befiehlt ein Lautsprecher und wildgewordene Autos kacheln auf die Zapfsäulen zu, Menschen springen und rutschen über Motorhauben, rennen mit Kanistern, Eimern und bloßen Mineralwasserflaschen, Mehrweg natürlich, um noch einen der freien Schläuche zu ergattern.

“Schatz”, brüllt einer, “Diesel oder Super?”
– “Egal”, schreit sie zurück, “kannste bei eBay vakoofen!”

“Rien ne va plus”, donnert es aus dem blechernen Lautsprecher und die Zahlen an der Anzeigetafel trudeln aus und bleiben nacheinander stehen. Einssechsundvierzigneun. ‘Scheiße’, murmelt einer und tankt wiederwillig in eine zwei Literflasche.

IV.
Die Julius-Leber-Kaserne der Bundeswehr im Norden der Stadt ist verwaist. Deren gesamte Besatzung, sowohl Zeitsoldaten als auch Wehrpflichtige betanken seit Tagen ihren gesamten Fuhrpark an einer freien Tankstelle. Die Bundeswehr, so stand es in der Zeitung zu lesen, hatte nicht so günstig eingekauft, wie der Betreiber der Hinterhoftankstelle. Rehe und Wildschweine zeigten sich von der Aufrüstung unbeeindruckt.

V.
Aus der Zeitung: Immer mehr Zivildienstleistende in den Krankenhäusern werden für Tankfahrten für Chef- und Stationsärzte missbraucht. Krankenschwestern und Patienten monieren den derzeitigen Pflegenotstand durch fehlendes Hilfspersonal.

VI.
Überall in der Stadt werden Tankstellen umgerüstet, es scheint ein Betreiberwechsel stattgefunden zu haben und so werden alte, großflächige Schilder abmontiert und bunte, noch größere Leuchttafeln mit der Aufschrift “Drei, zwei, eins… meins!” montiert. An den Zapfsäulen werden Konsolen aufgestellt, von deren Spitze ein roter Buzzer leuchtet. Hm.

VII.
An einer Tankstelle unweit des Berliner Hauptbahnhofes steht eine rote Diesellok an der Zapfsäule für LKWs. Ein Enblem der Deutschen Bahn ziert ihre durstige Schnauze. Keine Ahnung, wie die Lok hierhergekommen ist. Aus dem Fenster der Fahrkabine lümmelt sich ein breit grinsender Lokführer.

VIII.
In Spandau reißt über einer kleinen freien Tankstelle mit einsneununddreißigneun der Himmel auf. Gleißendes Licht lässt die restlichen Wolken zerschmelzen, der blaue Himmel dahinter erscheint violett. Ein tiefes Brummen zerreißt die asphaltierte Decke, der Tankwart, der sein Kabuff verlassen hatte, um zu sehen, was sich an seinen Zapfsäulen abspielt, hechtet hinter seine Kassentheke zurück und verkriecht sich, in Fötushaltung, die Knöchel mit den Händen gefasst, einen Schokoriegel im Mund unter sie. Über den Zapfsäulen erstirbt das dumpfe Brummen in ein weitläufiges Zischen, das gleißende Licht schwächt sich ab und gibt den Blick auf ein gigantisches Flugobjekt frei, dass über der Tankstelle schwerelos schwebt und eine Menschentraube unter sich versammelt, die mit offenem Mund stehenbleibt. Erst als sich eine Luke im Flugobjekt langsam öffnet, stieben die Menschen laut schreiend auseinander. Aus der Luke tritt ein kleines, nicht menschliches, ansonsten eher hutzeliges Wesen, schreitet scheinbar fusslos eine Rampe hinab, bleibt bei der Preisanzeige der Tankstelle stehen und nickt mit dem Kopf. Aus seinem Gewand zieht er eine langgliedrige Hand. Von dieser Hand streckt er einen extrem langen und dünnen Zeigefinger hervor, wirbelt ein wenig mit ihm in Richtung Zapfsäulen herum und als die Spitze des Zeigefingers zu glühen anfängt und sich die tankenden Autos an den Zapfsäulen wie von Geisterhand auseinanderschieben und Weg und Schläuche wieder freigeben, sagt das Hutzelmännchen: “Vingadium leviosa” und dirigiert aufschwebende Schläuche in Richtung seines Flugobjekts. Und mit kehliger Stimme verkündet er knackend: “Ck-Ck-Tanken-Ck-Ck”. So schnell wurde eine außerirrdische Lebensform noch nie von aufgebrachten Menschen überwältigt, erniedrigt und gevierteilt, in handliche Formen verschnürt und in sein Flugobjekt verbracht, wie zu dieser Stunde interstellarer Geschichtsschreibung. Falsches Volk, falscher Grund, falscher Zeitpunkt.

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