29. November 2008...16:58

Schulerinnerungen

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Immer wieder schwappen mir Erinnerungen aus der Schulzeit im Hirnwasser herum. Erst neulich stand ich beim Abwasch und sagte zu Frau Rieke eher beiläufig mit heller Eunuchenstimme: „Allet za’wichst!“

1
War es ein Lehrer, der diesen Satz sagte? Beim Matrixrechnen an der Tafel vielleicht? „Da haste jetzt aber die janze Matrix za’wichst.“ Aber je mehr ich grübelte, ob ich einen Lehrer kannte, der wirklich im Unterricht berlinerte, desto mehr kam ich mit mir überein, dass es sich nicht um einen Lehrer handelte, der diesen Satz in sein Sprachrepertoire eingebaut hatte, sondern um meinen Chef in der Jugendeinrichtung, in der ich zwei Jahre lang die Wochenendfreizeit von Jugendlichen zwischen dreizehn und achtzehn Jahren in einem sozialen Brennpunkt bereicherte. Jener Chef zitierte gerne den Hausmeister der Turnhalle, der immer bei ihm vorsprach, wenn Jugendliche nach seinem Gutdünken wieder etwas mutwillig zerstört hatten. „Seh’n Se ditte? Da ham mir Ihre Jugendlischen die janze Brille za’wichst“, legte mein Chef dem Hausmeister die Worte erneut in den Mund, als er ihm einst eine vollkommen zugemülltes Urinal zeigte, in dessen Mitte der von Zigarettenkippen angekokelte Spritzeinsatz schwamm und föhlich gluckste.

2
Im Chor hatten wir zu antworten. „Grü-hüß Gott“, blökten wir zarten Eleven also, entweder im Physiksaal oder an den alten Terminals der Rechneranlage, die den Namen eigentlich nicht einmal verdient hatte. Elfenhaft lauschte der Studienrat für Physik, Mathematik und Informatik und wenn der Chor nicht einstimmig klang, so dirigierte er uns, bis es für seine Ohren genehm war. „Grü-hüß Gott“, flöteten wir einstimmig und was beim ersten Mal noch amüsant war, zerrte nach Jahren gewaltig an den Nerven. Danach zählte er mit zärtlichem Handabschwung pärchenweise die Anwesenden, um festzustellen, dass alle da waren. Fehlte jemand, nahm er es persönlich und war traurig, dass jemand seinen Unterricht mit Krankheit oder Faulheit fernblieb. Arm dran waren all jene, die zu spät kamen. Schließlich, so zog der Studienrat den pädagogischen Schluss, hätte jemand, der zu spät zu seinem liebevollen Unterricht käme, Seelenpein, die gelindert werden mußte. „Parole?“ forderte er dann und wer lange genug im Unterricht bei ihm saß, der wußte, dass nun die Parole nur sein konnte: „Liebe schenken!“, worauf der Herr Studienrat dem gepeinigten Wesen sanft über Kopf streichelte.

3
Über Ableitungsfunktionen brütend war es nicht einfach, seinem Mathelehrer zuzusehen, wie er sich den in der Ecke stehenden Kartenständer schnappte, leise ein Lied brummte und mit dem Kartenständer einen Tango tanzte. Nach rund zehn Minuten stellte er breit ins kopfschüttelnde Auditorium grinsend den Kartenständer wieder in die Ecke. „Ich denke, Sie werden jede Menge zu besprechen haben. Nutzen Sie die Zeit“, sagte er und verschwand während der Klausur für zehn Minuten auf dem Flur.

4
Unser Matheprimus fand Gefallen daran, an der Tafel zu glänzen und mit einer beneidenswerten Leichtigkeit schwere Differentialgleichungen zu lösen, während der Mathekurs über karierten Zeilen schwitzte. Tim-Lars rechnete und rechnete und stets stimmte das Ergebnis, der Zuneigung seines Mathelehrers war er sich gewiss. Bis der tanzende Studienrat kundtat: „Menschen, die in Mathe besser als eine Zwei sind, sind mir menschlich ein Greuel. Die haben meist soziale Defizite. Logik und Menschlichkeit vertragen sich nicht. Die sind mir zu logisch“. Tim-Lars stand stets auf Eins.

5
„Herrschaften! Ich habe mir Ihre Klausuren am Wochenende gleich vorgenommen. Nach den ersten drei Klausuren habe ich mir einen Cognac eingießen müssen“, brüllte jener Mathelehrer, der uns Folgen und Reihen nahebringen wollte. Als ob es selten gewesen wäre, dass er sich einen Cognac eingegossen hätte. Sogar sein Kaffee, den er stets zu Beginn seiner Doppelstunde auf seinem Pult aus einer Thermoskanne trank, roch, als wäre ein gewaltiger Schuss in ihm. Nicht umsonst scherzten wir, ob der weitgereiste und viel in der Welt herumgekommene Lehrer Kaffee mit einem Schuss Alkohol oder Alkohol mit einem Schuss Kaffee trank.

6
Mit eunuchenhafter Stimme kam er sich witzig vor, wenn er bei falscher Antwort über Jahre immer denselben Satz sagte: „Na, was war denn? Setzen! Six meinus“, sagte er und lachte mit seiner hohen Stimme schrill.

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